Von der ungeheuren Lust am Mitgestalten
Impressionen unserer Jahrestagung «Die chancengerechte Schule – wie sie gelingt!»
Prolog – Synapsenparty mit Einstein und Sven
Dieser Freitag begann mit Frühsport, der bekanntlich die Hirnzellen beflügelt. Rund 200 Treppenstufen galt es hinaufzusteigen zur Aula der BBB Baden, die riesige Einstein-Statue auf dem Dach wies den Weg. Oben angekommen, machte Moderator und Bühnenkünstler Sven Stickling die letzten Frühsportler locker-flockig tagungsmunter. Danach war klar: Tik-Tok-Fans waren nicht in the house, dafür aber erwartungsvolle good Vibes. Salopp gesagt: Unsere Tagung startete mit einer Synapsenparty
Science Slam – ein visuelles und rhetorisches Feuerwerk
Sie verstehen nur Bahnhof, wenn Sie «Science Slam» hören? Dann sind Sie nicht allein. Drei Hände gingen in die Höhe, als Moderator Stickling die rund 100 Fachpersonen aus Praxis, Forschung und Bildungsverwaltung fragte, wer denn wisse, was ein «Science Slam» sei.

40 Minuten später wussten nicht nur alle Bescheid, sie hatten einer hierzulande wenig bekannten Art von Wissenschaftsvermittlung beigewohnt: anschaulich und informativ, witzig und mitreissend. Die vier Forscher:innen Angela Aegerter, Robin Benz, Lynn Bolliger und Hannah Bolten zündeten in ihren zehnminütigen Slams ein rhetorisches und visuelles Feuerwerk, das die Anwesenden mit tosendem Applaus honorierten. Fazit eines begeisterten Bildungsexperten: «Die sollten unbedingt mal bei einer EDK-Sitzung auftreten!»
Die Slams im Überblick und in der Reihenfolge ihres Auftritts
Lynn Bolliger, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik:
Die Chancen und Tücken eines Zeppelinflugs
Zeppelin? Ein Akronym für Zürcher Equity Präventionsprojekt Elternbeteiligung, das vor 14 Jahren gestartet wurde. Dabei erhalten 132 ausgewählte Eltern in schwierigen Situationen konkrete Hilfe von PAT (Parents as Teachers), 116 Eltern bilden eine Kontrollgruppe. Nach drei Jahren und im Kindergarten stellten die Forscher:innen Vorteile der PAT-Gruppe in der Sprachentwicklung, der Selbstregulation und im Verhalten fest. Danach schwächten sich die Effekte ab. Das Projekt ist langfristig angelegt: In der nächsten Phase wird der Übertritt in die Oberstufe und ins Berufsleben untersucht.
Mehr über ZEPPELIN
Hannah Bolten, Institut für Erziehungswissenschaften UZH:
Akademischer Optimismus – Lehrpersonen als Game Changer
Hannah Bolten untersucht in ihrer Dissertation das Konzept des «akademischen Optimismus». Zentrale Erkenntnis für Lehrpersonen: «Be more optimistic!» Akademischer Optimismus ist zwar kein Heilmittel, aber eine wichtige Stellschraube auf dem Weg zu chancengerechterer Bildung.
Präsentation von Hannah Bolten
Angela Aegerter, Dozentin PH Bern
«Frau Aegerter, das ist voll unfair!» – und was das mit Schüler:innen macht
Angela Aegerter forscht in ihrer Dissertation nach den Gründen der Schulentfremdung, vor allem fragt sie, welche Rolle Lehrer:innengerechtigkeit spielt. In ihrem Diss-Zwischenfazit betont sie die «Bedeutung eines unterstützenden und gerechten schulischen Umfelds».
Präsentation von Angela Aegerter
Robin Benz, wissenschaftlicher Mitarbeiter PH Bern
Lernzielreduktionen – Schulische Integration mit Nebenwirkungen
Was nützen Lernzielreduktionen und wie werden sie vergeben? Diesen Fragen geht Robin Benz anhand standardisierter Leistungstests bei 226 000 Lernenden in den Kantonen AG, BS, BL und SO von 2013 bis 2024 nach. Sein Fazit: «Obacht! Lernzielreduktionen haben erhebliche Nebenwirkungen. Statt sich auf Defizite von Lernenden zu konzentrieren, wäre es besser, deren Potenziale zu fördern.»
Präsentation von Robin Benz
«Orientierungsrahmen chancengerechte Schule» im Lackmustest
Nach dem Slam-Spektakel war kritische Mitarbeit angesagt. Lektüre, Inputs, Diskussionen. Im Zentrum zwei zentralen Fragen: Welches sind die nötigen Rahmenbedingungen für eine chancengerechte Schule? Welche Merkmale zeichnen sie aus?
Als Grundlage diente den Teilnehmer:innen der Entwurf unseres «Orientierungsrahmens chancengerechte Schule», basierend auf der Studie Reduktion von Bildungsbenachteiligung in der Volksschule und unserem internen Paper «Empfehlungen für eine chancengerechte Schulkultur». Nun galt es, den Orientierungsrahmen, im September von einem hochkarätig besetzten Workshop erstmals ausgiebig diskutiert, auf Herz und Nieren zu überprüfen.
Eindrücklich: die konzentrierte Atmosphäre in der Aula der BBB Baden, die Lust an der Debatte, das immense Engagement für das Thema Chancengerechtigkeit. Einfach grandios.
Improvisationskunst besiegt das Food-Koma
Wie aktiviert man die vom Mittagessen leicht ermatteten Synapsen eines Publikums? Mittels der Kunstfertigkeit eines gerissenen Moderators. Wer eine «Gschpüri-Runde» befürchtet hatte, lag falsch. Vielmehr spielte Moderator Sven Stickling kurz und meisterhaft auf der Klaviatur des Improvisationstheaters – und reanimierte den foodkomatösen Saal im Nu. 20 Minuten, die man nicht beschreiben kann, sondern erlebt haben muss. Chapeau Sven, das war Klasse!

«Chancenindex für Schulen» – ein bahnbrechendes Tool vor der Finissage
Wie kann eine Schule möglichst fundiert, aber einfach herausfinden, wo sie in Sachen Bildungsgerechtigkeit steht? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns seit zwei Jahren. Das Ziel: die Entwicklung eines handlichen, schweizweit einsetzbaren Chancenindex für Schulen.
Projektleiter Olver Dlabač präsentierte den aktuellen Projektstand, insbesondere die Ergebnisse aus der Pilotgemeinde Uster ZH. Getestet wird das Tool an acht Primarschulen mit insgesamt 2950 Kindern. Die intern vorliegende erstmalige Auswertung bestätigt bisherige Befunde, zeigt aber auch grosse Unterschiede zwischen den Schulen sowie zwischen den untersuchten Beurteilungen, Zuweisungen und Interventionsformen.
In der nächsten Projektphase ist geplant, den Chancenindex in Kriens LU erneut zu testen sowie Datenschutzabklärungen mit Bildungsdirektionen und Steuerämtern vorzunehmen. Parallel dazu entwickelt das Institut für internationale Zusammenarbeit in Bildungsfragen der PH Zug unter der Leitung von Carola Mantel Ideen zur Prozessbegleitung von interessierten Schulen. Ab September 2026 soll das Tool für sämtliche Schulen in den beteiligten Kantonen unentgeltlich zur Verfügung stehen.
Präsentation von Oliver Dlabač


Begleitforschung Chance P+ – Brokerfunktion zwischen Forschung und Praxis
Der finale Input zu dieser inputreichen Tagung lieferte Claudia Marusic von der Uni Zürich. Sie leitet die Begleitforschung zu unserem Förderprogramm Chance P+ am Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe I. Dabei wirkt sie wie ein «Brokerin» zwischen Forschung und Praxis, eine Funktion, welche wir künftig öfter übernehmen möchten.
Eindrücklich zeigte Marusic, dass sorgfältig auf Wirkungen und (nicht intendierte) Nebenwirkungen von besonderen Förderangeboten geachtet werden muss. Weiter schnitt sie die wichtige Frage an, worin der Mehrwert – Erfolg, Motivation, Entlastung statt Zusatzbelastung etc. – für Schulen und Individuen bestehen kann, wenn sie sich vermehrt um Bildungsgerechtigkeit kümmern.
Präsentation von Claudia Marusic
«Orientierungsrahmen chancengerechte Schule» – wie er zum Fliegen kommt
Von Apero-Sehnsucht war noch nichts zu spüren, als sich die Tischrunden nochmals zum kritischen Mitdenken zusammenfanden. Gesucht wurden: konkrete Ideen, Praxiserfahrungen, Forschungsprojekte und Good-Practice-Beispiele zur Umsetzung unseres Orientierungsrahmens. Als hätten die Anwesenden nach sechs Stunden Tagung nur darauf gewartet, erfüllten sie die BBB-Aula erneut mit angeregten Diskussionen – die sie selbst beim Apero weiterführten…
Habt herzlichen Dank, liebe Mit-Denker:innen und Mit-Gestalter:innen, für euren Effort, eure Ausdauer und eure Expertise!
Jetzt liegt der Ball bei uns: die Tagungs-Inputs und -Diskussionen auswerten, den Orientierungsrahmen finalisieren, konkrete Projekte entwickeln, initiieren und umsetzen. Damit mehr und mehr Schulen chancengerechter werden.
Epilog – Allianz-Präsident Jürg Schoch hat das Wort
«Ich bin schwer beeindruckt von den heutigen Diskussionen, sie könnten anregender kaum gewesen sein. Auch noch beim Apero. Grosse Fragen: Wie kann es gelingen, dass sich die bis an die Grenzen belasteten Schulen auch noch auf das Thema Chancengerechtigkeit einlassen? Was haben sie davon? Dem inspirierenden Tag ist es wohl zuzuschreiben, dass die Fantasie mich beflügelt: Wenn Jungs beginnen, an sich selbst und schulischen Erfolg zu glauben, weil Lehrpersonen an ihr Potenzial glauben. Wenn Mädchen Selbstvertrauen entwickeln und merken, dass ihre Anstrengungen sie weiterbringen. Wenn ganze Klassen in einen Erfolgreich-Lernen-ist-ziemlich-cool-Groove kommen. Dann könnten einige Alltagsprobleme abnehmen – und die Schulen hätten einen doppelten Gewinn statt zusätzliche Belastung. Überbordende Fantasie? Wir bleiben dran!»























