Blickpunkt Programme

Was passiert in unseren Förderprogrammen? Welche Themen stehen an? Welche Veranstaltungen sind geplant? In dieser Rubrik publizieren wir in regelmässigen Abständen Neuigkeiten und Hintergrundinformationen zu den Programmen.

Professor Albert Düggeli, der zusammen mit Dr. Alma Kassis unser Förderprogramm ChaBâle an der Wirtschaftsmittelschule Basel begleitet und wissenschaftlich evaluiert, ist sehr erfreut: «Von Januar bis Juni 2021 konnten wir bei unseren Schüler:innen statistisch signifikante Verbesserungen der Deutschnote und des Fähigkeitsselbstkonzepts in Mathematik feststellen. Das ist eine grosse Freude und ein grosser Lohn für alle Beteiligten.»

So lautet das Fazit des ersten, noch unveröffentlichten Zwischenberichts der Prozess-Evaluation, den Düggeli und Kassis zu Handen des ChagALL Initiative Fonds vorlegen. Dieser Fonds hat ChaBâle in den ersten Jahren mitfinanziert – und damit die nun gewonnenen Erkenntnisse überhaupt erst ermöglicht.

Unter den schwierigen Corona-Bedingungen wurde das ChaBâle-Konzept in den letzten 18 Monaten laufend angepasst und verbessert. Das war nötig, da sich die Noten und auch die fachlichen Fähigkeits-Selbstkonzepte der Jugendlichen während dem Lockdown (Januar 2020 bis Januar 2021) tendenziell verschlechterten.

«Unsere Evaluation zeigt auf, dass man Leistungsmotivation und Notenentwicklung der Jugendlichen selbst bei erhöhtem Dropout-Risiko reduzieren kann», sagt Düggeli. Solche Wege zu erkennen sei für die Handlungspraxis, die Chancenungleichheit zu reduzieren versucht, sehr bedeutsam. Und die Prozesse gilt es nun noch besser zu verstehen.

Dazu hilft der qualitative Teil der Evaluation. Er ermöglicht differenzierende Einblicke in die Wirkprozesse von ChaBâle. So nennen die Schüler:innen beispielsweise, dass sie den persönlichen Rahmen sehr schätzen, in dem sie mit Lehrpersonen ihre Fragen direkt besprechen können. Darüber hinaus betonen sie, dass sie von der gemeinsamen Arbeit in vertrauten Kleingruppen enorm profitieren.

ChaBâle wirkt, könnte man sagen, allerdings gibt es noch viel zu tun. Beispielsweise ist der gesamte Notendurchschnitt der Jugendlichen im ersten Halbjahr 2021 zwar leicht gestiegen, und sechs der sieben ins Provisorium versetzten Schüler:innen gelang es, dieses wieder zu verlassen. Hingegen liess sich in den Fächern Französisch sowie Wirtschaft & Recht noch kein Aufwärtstrend erkennen.

Das gilt ebenso für die Selbstwirksamkeits-Überzeugung, eine wichtige Voraussetzung für den schulischen Erfolg. Diese hat sich von Januar bis Juni 2021 zwar verbessert, allerdings in überschaubarem Ausmass.

Besonders verblüfft ist Düggeli über die Beobachtung, «dass die Verbesserung der Deutschnote eher mit der positiven Entwicklung der jungen Männer, die Verbesserung des Selbstkonzepts Mathematik hingegen mit der positiven Entwicklung der jungen Frauen einhergeht».

Dies sei jedoch erst eine Tendenz, die er zusammen mit Kassis im weiteren Verlauf der Evaluation genauer untersuchen wolle. Man darf also gespannt sein auf den nächsten Zwischenbericht von ChaBâle.

Die Weichen werden früh und definitiv gestellt. Wer es nach der 6. Klasse (nach neuer Zählung: dem 8. Schuljahr) «nur» in eine Sekundarklasse mit Grundansprüchen (Sek B, C, Real etc.) schafft, hat kaum mehr Aussichten auf höhere schulische Bildung.

Das Bundesamt für Statistik zeigt die Zahlen. Von 22’164 Schüler/-innen in der 3. Oberstufe (11. Schuljahr) schaffen es gerade Mal 2% Prozent (443) in eine allgemeinbildende Ausbildung auf der Sekundarstufe II, also bspw. in eine Informatikmittelschule, eine Fachmittelschule oder ein Kurzgymnasium. Die Hälfte (1%) braucht dazu ein Zwischenjahr.

Die theoretische «Durchlässigkeit» unserer stark gegliederten Sekundarstufe I funktioniert in der Praxis vor allem «nach unten». Einmal getroffene «Bildungsentscheidungen» können kaum korrigiert oder angepasst werden. Thomas Meyer, Co-Leiter der TREE-Längsschnitt­studie an der Universität Bern, folgert aus deren Daten: «Davon betroffen sind vor allem Schülerinnen und Schüler aus Sek I-Schulzügen, die nur so genannten «Grundan­forde­rungen» genügen. Auch wenn sie gute Leistungen erbringen, sind sie dem «Stigmatisierungs­effekt» dieser Schulzüge ausgesetzt und können ihr Begabungs-Potenzial nicht ausschöpfen. Insofern wirft die Selektivität bzw. Gliederung der Sekundarstufe I lange Schatten auf die weitere Ausbildungs- und Erwerbslaufbahn.»**

*Bundesamt für Statistik (2016): Längsschnittanalysen im Bildungsbereich. Der Übergang am Ende der obligatorischen Schule. Ausgabe 2016, Seite 6.

** Referat Veranstaltung VSoS, Zürich, 2. November 2021