Packen wir’s an!

Die Highlights des Think Tanks «Chancen-Initiative Schweiz»

Impressionen unserer 3. Jahrestagung, 28. Oktober 2023, Berufsfachschule BBB Baden

Wie schafft man es, das Publikum nach sieben Stunden denken, diskutieren und entwickeln noch einmal von den Sitzen zu reissen? Carlos Parada und Mignon Reme vom Eidgenössischen Improvisationstheater zeigten es. «Was darf man nie zu Lernenden sagen?», wollten sie zum Abschluss unseres Think Tanks von den Anwesenden wissen. Und weiter: «Welcher Satz war der wichtigste in eurer Ausbildungs- und Berufslaufbahn?»

Aus den Antworten kreierten die Improvisationskünstler:innen einen brillanten Sketch, der akkurat den Spirit widerspiegelte, mit dem die rund 120 Fachleute aus Bildung, Wirtschaft und Politik den Think Tank in der Aula der Berufsfachschule Baden zu einem grossen Erfolg machten. Nachfolgend blicken wir impressionistisch auf die ganztägige Veranstaltung zurück.

Die Allianz hat Fahrt aufgenommen

Nach den Grussworten von Rolf Häner, Rektor der BBB Baden, schilderte unser Präsident Jürg Schoch, wie die Allianz Chance+ im vergangenen Jahr so richtig Fahrt aufnahm. Hervorzuheben gilt es unter anderem die Metaevaluation unserer Förderprogramme und die Konkretisierung eines «Chancenindex» für Schweizer Schulen, vor allem aber auch die Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Oliver Wyman Schweiz. Von der ersten Kontaktaufnahme durch Joris D’Incà, Managing Partner von Oliver Wyman, über die Präsentation der Studie «Bildungsgerechtigkeit – eine Chance für die Schweizer Wirtschaft» bis zur geplanten «Chancen-Initiative Schweiz» verging bloss ein Jahr. Die Resonanz auf die Studie war phänomenal, das angeschlagene Tempo ebenso. Es soll beibehalten werden…

Die «Chancen-Initiative Schweiz» wird aufgegleist

«Weil wir uns Bildungsungerechtigkeit nicht mehr länger leisten wollen!» – Mit diesen Worten begründete Joris D’Incà in seiner Keynote das Engagement für Bildungsgerechtigkeit und die Lancierung der «Chancen-Initiative Schweiz». Mit «wir» meinte er zum einen sich selbst, denn Bildungsgerechtigkeit sei ihm persönlich und gesellschaftlich «eine Herzensangelegenheit». Zum anderen die Wirtschaft, die infolge des Fachkräftemangels gezwungen sein werde, «den inländischen Talentpool besser auszuschöpfen». Weitherum Verblüffung unter den Anwesenden erzeugte D’Incàs Präsentation der Eckdaten der «Chance-Initiative Schweiz». Er sprach nicht nur über deren Dringlichkeit, sondern treibt diese auch entschlossen voran. Der Zeitplan sieht vor, dass die Initiative schon im nächsten Jahr gestartet werden soll. D’Incà: «Wir werden gemeinsam und im Schulterschluss mit der Wirtschaft, dem Bildungssystem und der Politik den inländischen Talentpool, diesen Hidden Asset, zum Vorteil aller erschliessen.»

Präsentation von Joris D’Incà
Management-Partner Oliver Wyman AG

10 junge Erwachsene beeindrucken tief

«Ihr habt euch exponiert und uns imponiert!» – «Unfassbar, die Courage, die Energie und das Selbstbewusstsein dieser jungen Menschen» – «Sich nicht zufrieden geben, den absoluten Willen, Träume zu realisieren, Widrigkeiten durch eine hohe Portion von Resilienz und Kreativität zu bewältigen – ist das nicht der wichtigste Baustoff für eine dynamische und starke Wirtschaft?» Mit diesen Worten beschrieben Teilnehmer:innen den Auftritt der 10 jungen Erwachsenen aus sozial benachteiligten Verhältnissen, die über ihre hindernisreiche Ausbildungs- und Berufslaufbahn berichteten.

Im Tischgespräch mit:

  • Imerio Cosi, Primarlehrer
  • Ana Da Silva Rodrigues, BSc ETH Bau-Ing, Masterstudentin Mathematik ETH Zürich
  • Lucy Duss, Applikationsentwicklerin in Ausbildung
  • Mathesan Kengatharan, Student Institut Unterstrass
  • Rinor Lahu, Informatiker
  • Zemrete Mazlami-Ganija, Juristin
  • Gael Plo, Student International Management FHNW
  • Khaled Ramdoun, Physikstudent ETH Zürich
  • Nathalie Sumbo, Informatikerin EFZ/BMS
  • Franck William, Wirtschaftsstudent Universität Basel

Ana, Franck, Gael, Imerio, Khaled, Lucy, Mathesan, Nathalie, Rinor und Zemrete: Ihr habt eindrücklich demonstriert, welch persönliches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Potenzial in der Schweiz schlummert.

Und zwei weitere junge Menschen haben uns beeindruckt: Nik Schwander und David Braun, Schüler der Kantonsschule Büelrain. Im Rahmen des Deutschunterrichts haben sie in Eigenregie beschlossen, an unserem Think Tank teilzunehmen und eine Reportage darüber zu verfassen.
Zur Reportage

Gutes muss besser sichtbar gemacht werden

Wie soll die inhaltliche Ausrichtung der «Chancen-Initiative Schweiz» aussehen? Welche etablierten Programme und Projekte erzielen skaliert wirksame Effekte und könnten schweizweit lanciert werden? Um über diese und andere Fragen zu diskutieren, präsentierten sich 11 Good-Practice-Beispiele aus dem Inland- und Ausland. Tief beeindruckend war, wie gross man denkt und handelt in Deutschland mit dem milliardenschweren Startchancenprogramm. Tief beeindruckend aber auch, wie viele grossartige Programme und Projekte sich in der Schweiz für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzen. Auffällig aber, dass sich nur wenige schweizweit engagieren und dass sie allesamt für die avisierten Zielgruppen zu wenig sichtbar sind. Es könnte eine Aufgabe für die «Chancen-Initiative Schweiz» sein, solche Programme oder Projekte ins Rampenlicht der breiten Öffentlichkeit zu rücken.

Die Gretchenfrage treibt uns um

Welche Hauptaufgaben auf welchen Handlungsfeldern muss die «Chancen-Initiative Schweiz» vordringlich anpacken? Antworten auf diese Frage zu finden, war das Ziel unseres Think Tanks. Pfannenfertige Vorschläge haben wir nicht erwartet, sondern Ideen und Anregungen, die wir weiterverfolgen und konkretisieren können. Die Vorschläge der abschliessenden Fishbowls zeigten, dass wir die Qual der Wahl haben: «Es braucht einen Dialog zwischen Schule und Wirtschaft» – «Handlungsbedarf besteht schon vor dem Kindergarten» – «Unbedingt die Eltern überall miteinbeziehen» – «Die frühe Selektion muss weg» – «Man muss nachschulische Ausbildung fördern» – «Holt die Politik ins Boot!».

Was und wo genau anpacken? bleibt die Gretchenfrage für die nächste Phase der «Chancen-Initiative Schweiz». Sicher ist: Wir dürfen uns nicht verzetteln, wir sollten uns fokussieren. Oder wie Joris D’Incà sagte: «Vielleicht müssen wir die Initiative einfach mit zwei, drei konkreten und relevanten Projekten starten und dann schrittweise weiterentwickeln.»

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