«Wir Careleaver müssen endlich für Politik und Gesellschaft sichtbar sein!»

Gael Plo ist Mitglied der Eidg. Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ), gilt in Basel als eines der Gesichter der Careleaver-Bewegung – die Stimme der jungen Erwachsenen, die in Heimen und Pflegefamilien aufwachsen. In Interview erklärt er, warum die Situation der Careleaver in der Schweiz prekär ist und diese kaum Chancengerechtigkeit erfahren.
Unter dem Titel «Vom Heimkind zum Leader of Tomorrow» hast für uns vor zwei Jahren eine berührende Lernbiografie verfasst, die mit dem Satz endete: «Richtig viel los im Moment, mal schauen, was die Zukunft bringt.» Was hat sie gebracht?
Es ist immer noch viel los, vielleicht zu viel (lacht). Ich bin halt sehr vielseitig interessiert, aktuell zum Beispiel an Geopolitik oder an KI. Ich engagiere ich mich immer noch in der Eidg. Kommission für Kinder- und Jugendfragen, beschäftige mich unter anderem dort mit Kinderarmut und gewaltfreier Erziehung. Dann habe ich den Verein «Open Desk» gegründet, der sich für die Bildung von afrikanischen und lateinamerikanischen Kindern einsetzt. Und ich studierte International Management, schaffte aber die Prüfung nicht.
Du bist also nicht mehr ungebrochen auf dem Weg nach oben, wie man aus deiner Lernbiografie schliessen konnte?
Nein, mein sozioökonomischer Hintergrund beeinflusst und begrenzt meine Möglichkeiten bis heute, trotz Auszeichnungen sowie meinem politischen und ehrenamtlichen Engagement.
Zugespitzt gesagt: einmal Careleaver, immer Careleaver?
Nicht unbedingt, aber solange ich in der Ausbildung und meist ehrenamtlich tätig bin, kämpfe auch ich mit dem Problem aller Careleaver: der Finanzierung meines Lebens. Darum ist es mein Ziel, mein zweites Studium abzuschliessen und danach genug Geld zu verdienen.
Was studierst du im zweiten Anlauf?
Wirtschaftsrecht an der FHNW. Leider habe ich kürzlich Bescheid bekommen, dass ich keine kantonalen Stipendien mehr bekomme, das heisst, ich bin wieder auf Arbeitssuche. Und ich überlege, welche ehrenamtliche Tätigkeit ich zurückfahren kann. Das tut weh, denn mich interessieren die Menschen, nicht der monetäre Mehrwert.
Wann hast du eigentlich deine eigene Lebensgeschichte als gesellschaftliches Problem verstanden?
Es gab kein auslösendes Ereignis, der Gedanke wuchs mit der Zeit. Da ich meinen Wohn- und Lebensort oft wechseln musste, erhielt ich Einblicke in Lebensverhältnisse, über die man wenig spricht, denen aber eines gemeinsam war: der problematische sozioökomische Status.
Warum ist es für Careleaver ein existenzielles Problem, wenn sie mit der Volljährigkeit ihr Leben in die eigenen Hände nehmen müssen?
Die Angst, das Leben nicht finanzieren zu können, ist existenziell. Ich zum Beispiel habe eine Lehre als Elektriker begonnen, aber rasch gemerkt, dass dieser Beruf nicht meinen praktischen Fähigkeiten entspricht. Da meine Platzierung aber an die Ausbildung gekoppelt war und ich meine Obhut nicht verlieren wollte, war ich gezwungen, diese Ausbildung abzuschliessen. Das ist typisch für viele Careleaver. Oft entschieden sie sich für eine Ausbildung, nach der sie zwar Geld verdienen, aber die sie gar nicht machen möchten oder ihrem Potenzial nicht entspricht.
Welche Herausforderungen machen den Übergang zusätzlich zu einer brutalen Zäsur?
Man ist allein bei der Wohnungssuche, bei Kontakten mit Arbeitgebern und Behörden. Man hat die Lehre abgeschlossen, das Heim verlassen und plötzlich keine vertrauten Menschen mehr um sich herum, weder Sozialarbeitende noch andere Heimkinder. Und das alles mit 18 Jahren. Auf einmal beginnt man, sich all die Fragen über die eigene Vergangenheit, die Familiengeschichte und die eigene Identität zu stellen. Gleichzeitig beginnt man, gewisse Traumata aufzuarbeiten, die man über Jahre hinweg verdrängen konnte.
Warst du auch allein mit dem Gedanken, dass Careleaver organisierte Hilfe brauchen?
Nein, aus einem Forschungsprojekt der FHNW entstand das «Netzwerk Basel», bei dem ich und andere Careleaver als Peers wirkten und bei Netzwerktreffen Hilfe in allen möglichen Problemfeldern anboten. Ich fand aber, dass dies nicht genügt und wir vor allem politisch tätig sein müssen. So kam es schliesslich am 4. Juli 2021 zur Gründung des nationalen Vereins «Careleaver Schweiz», der heute auch die Netzwerke Zürich, Bern, Zentralschweiz, Aargau und Solothurn umfasst.
Was waren eure wichtigsten Ziele?
Wir wollten systemische Lücken nach Ende der stationären Jugendhilfe schliessen, zum Beispiel die Finanzierung bis zum Abschluss der Erstausbildung sichern und die unterschiedlichen kantonalen Bedingungen angleichen. Zudem ging es darum, die Careleaver mittels Öffentlichkeitsarbeit sichtbar zu machen – und damit die Gesellschaft für ihre herausfordernde Situation zu sensibilisieren.
Auf welche Bereiche konzentrieren Verein und Netzwerke ihre Unterstützung?
Die Netzwerke unterstützen Careleaver bei konkreten Problemen wie Wohnen, Finanzen oder berufliche Bildung. Wichtig sind weiter die regionalen Netzwerkanlässe, an denen sie sich austauschen, ihre Erfahrungen teilen und gemeinsam Zeit verbringen können. Der Verein ist als Dachorganisation neben der Administration zuständig für die Bundesebene, die politische Arbeit, die Finanzierung und die Verteilung der Ressourcen.
Wie finanzieren sich Netzwerke und Verein?
Über Stiftungsgelder, mit Ausnahme des Netzwerks Zürich, das Subventionen vom Kanton erhält. Offen gestanden: Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein.
Wenn du zurückblickst, was sind eure wichtigsten Erfolge? Der Kanton Basel-Stadt hat 2023 den Careleaver-Status geschaffen: Wer diesen erhält, kann Stipendien beantragen oder staatliche Unterstützung, auf unkomplizierte und unbürokratische Weise. Allerdings haben bisher nur wenige Careleaver davon Gebrauch gemacht. Der Status ist offenbar kaum bekannt; selbst in Heimen und bei Sozialarbeiter:innen wird zu wenig auf ihn aufmerksam gemacht
Weitere Erfolge?
Es gibt inzwischen im Nationalrat die parlamentarische Gruppe «Care Leaving – ehemalige Heim- und Pflegekinder», sie lädt uns jährlich zu Sessionen ein. Und wir haben zahlreiche politische Vorstösse auf Bundesebene und in den Kantonen lanciert, über diverse Politiker:innen aus verschiedenen Parteien. Auch entwickelt sich der Verein positiv, die Mitgliederzahlen steigen stetig, und besonders erfreulich ist das Wachstum der Netzwerke.
In welchen anderen Bereichen seid ihr weniger erfolgreich gewesen?
Trotz einiger Medienpräsenz braucht alles Zeit und einen langen Atem, zum Beispiel punkto Sensibilisierung. In den Institutionen – Politik, Wirtschaft und Wissenschaft – kennt man zwar die Careleaver und ihre Probleme. Nicht aber in der Gesellschaft. Bei einer Strassenumfrage könnten wohl die meisten mit dem Begriff «Careleaver» nichts anfangen.
Wenig oder nur langsam Fortschritt auch, was die kantonalen Unterschiede betrifft?
Meine Erfahrungen sind ernüchternd. Vorstösse zu machen ist okay, aber sobald es um die Finanzierung geht, finden sich keine Mehrheiten. Spricht man mit dem Bund, verweist man auf die Zuständigkeit der Kantone. Spricht man mit den Kantonen, verweist man auf den Bund. Ein Polit-Pingpong, das am Status quo nichts ändert.
Gerechte Bildungschancen sind aber ein gesetzlich verankerter Auftrag. Warum gibt es kaum Chancengerechtigkeit für Careleaver?
Trotz allen unseren Bemühungen sind wir in der breiten Öffentlichkeit kaum sichtbar. Und weitherum besteht die Meinung, dass «das Schweizer System» funktioniert. Falls nicht, handelt es sich um bedauerliche Einzelfälle, oder die Person ist selber schuld. Man will letztlich die gesamte Problematik nicht erkennen, weil man allfällige finanzielle Konsequenzen scheut.
Du bist vor zwei Jahren als Vorstandmitglied im Verein und im Netzwerk Basel zurückgetreten. Was gab den Ausschlag?
Vor allem wegen meiner Belastung: Studium, politisches Engagement, Open Desk, too much to do. Zudem wuchs innerlich zunehmend das Gefühl, das Thema loszulassen zu müssen. Ich habe mich schwer getan mit dem Entscheid, aber es ging nicht anders.
Wenn du heute auf die Situation der Careleaver blickst: Hat sich ihr Los verbessert?
Schwer zu sagen. Ich kann nur für meinen Heimatkanton Basel-Stadt sprechen. Es gibt den Careleaver-Status und mehr Aufmerksamkeit, aber finanziell hat sich das nicht einmal für mich ausbezahlt. Für viele Careleaver hat sich vermutlich nur wenig verändert. Das enorme ehrenamtliche Engagement war bis jetzt nicht nachhaltig, das ist sehr schade.
Wenn du im Schweizer System von heute auf morgen etwas für die Careleaver verändern könntest, was wäre das?
Wir Careleaver müssen endlich für Gesellschaft und Politik sichtbar sein. Dazu braucht es ein schweizweites Kinder- und Jugendgesetz, das die Platzierung von Careleavern und die Finanzierung ihrer Erstausbildung bis zum 25. Lebensjahr regelt. Das würde unsere Situation massiv verbessern, weil wir unsere individuellen Lebensentwürfe endlich ohne massive Einschränkungen gestalten könnten.