Was, wie und wozu Lerncoaching?
Von Christian Fallegger, Geschichtslehrer an der Kanti Reussbühl LU und Mitglied der 5-köpfigen Projektleitung CHANCE KSR

Der Kieler Coaching-Experte Torsten Nicolaisen begeisterte im September 2024 in Zürich eine grosse Zahl interessierter Lerncoaches und Schulfachleute der Allianz Chance+ passgenau ab. Gleich zu Beginn des Nachmittags verknüpfte er die wichtigsten Stränge aus der ersten Weiterbildung vor dem Sommer mit den neuen Themen. Er griff dabei die Schlüsselfragen aus dem Lerncoaching so geschickt auf, dass sowohl neu dazugestossene Teilnehmer:innen wie auch das Zielpublikum ihr eigenes Vorwissen gut integrieren konnten.
«Lerncoaching bedarf eines präzisen Zuhörens», machte Nicolaisen seinem Publikum klar. Er zeigte an konkreten Beispielen auf, wie genaues Nachfragen und eine hohe Empathiefähigkeit miteinander verbunden sind. «Dies führt dazu, dass zwischen Lerncoach und Coachees, den gecoachten Personen, Vertrauen gebildet wird», so Nicolaisen. «Das kann massgeblich zur Gesprächsöffnung beitragen.» Aus dem reichhaltigen Programm des Nachmittags seien einige Highlights herausgegriffen.
Hilfreiche Personenzentrierung
Die Grundlagen des «Wie, was und wozu» des Lerncoachings baute der Referent mit wichtigen Gesprächsbausteinen auf. Hilfreich dazu ist die Personenzentrierung: Inwiefern ist in der Analyse eines Coachings die Gesamtpersönlichkeit betroffen? Wo stehen die Coachees? Was sind ihre Ressourcen und Stärken? Coaches sind dann gut, wenn es ihnen gelingt, all das herauszukristallisieren, was ihr Gegenüber in deren Leben unterstützt. Wo können sie sich aufrichten, was sind ihre Lieblingsaktivitäten, wie können sie ihre positiven Emotionen aktivieren? Wo aber kommen Emotionen hoch, die einen runterziehen? All das gehört ins Fragerepertoire der Coaches.
Noch ein Schlüssel für die Coaches: Wenn das Gegenüber in seinen Äusserungen zunächst mal anerkannt wird. «Das Gehirn reagiert darauf sehr stark und selbstbestätigend», sagt Nicolaisen. «Es ist von hohem Entlastungseffekt, wenn die Emotion durch aktives und genaueres Nachfragen kanalisiert werden kann.»
Auch das «Wie» entpuppt sich bei Nicolaisen als zielführende Methode um die Lernformen des Gegenübers genau zu analysieren. Beispiele lieferte er gleich nach: Was genau lernst du beim Schauen des Videos statt bei einer Lektüre? Wie hast du das erlebt? Welches ist genau dein Lernzuwachs, und wie merkst du dir wissenswerte Sequenzen aus dem Video für dein eigenes Lernen?
Steigerungsfähige Selbstmotivation
Das Selbstbild als ein Team: Besonders spannend gestaltete Nicolaisen den Aspekt des motivationalen Selbstbilds. Er zeigte anhand der Team-Vergleiche auf, wie die Selbstmotivation ergründbar und steigerungsfähig ist und wie die innere Vielfalt bewusst gemacht wird. In geschickter Anlehnung an den Kommunikations-Erkenntnissen von Friedrich Schulz von Thun zeigte Nicolaisen auf, dass es mehrere Seiten des Selbst sind, welche es zu differenzieren gilt. Er verglich es mit einem «inneren Team»: Jede Person hat also gleichsam verschiedene Team-Mitglieder mit unterschiedlichen Funktionen in sich. Die Analyse aller Facetten einer Persönlichkeit zu spiegeln, ist Aufgabe von klug diagnostizierenden Coaches, die ihren Schützlingen durchaus berechtigt Mut machen können.
Nicolaisen dazu im Originalton: «Die Selbstzweifel sind nur eine Seite dessen, was du als Person insgesamt bist. Doch welche anderen Seiten von Dir gibt es denn noch? Welche Seiten (Anteile, Team-Mitglieder) melden sich weiterhin in dir? Stell dich selbst als Band, Fussballteam, Orchester, Pfadfinderorganisation, Chor vor.» Coachees kommen mit sich selbst besser zurecht, wenn sie sich bewusst sind, dass sie manchmal Mitläufer:in, Captain oder an der Seitenlinie stehend sind.
Kunst des bewussten Nachfragens
Damit, so Nicolaisen, führt das Coaching die Lernenden weiter: Sie kommen dem Ziel näher, ihre innere Vielfalt positiv zu werten. Was zählt, ist die gesamte Persönlichkeit. Alle Facetten der eigenen Person werden für die Coachees sichtbarer. Die Selbsterkenntnis umfasst somit auch andere Seiten, und das führt dazu, dass man mit diesem inneren Teil leben kann, sich selbst auch weiterentwickelt. In der Team-Metapher heisst das: In welcher Richtung könntest du deine eigene, innere «Teamaufstellung» verändern? Braucht es ein Teammitglied neu im Spiel, das bisher eher auf der Ersatzbank gesessen hat? Fazit: Coaches spiegeln erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, dem Gegenüber bewusst zu machen: Das ist ein Teil von Dir, du nimmst jetzt auch die anderen Seiten wahr. Auch so bin ich!
Eine Kostprobe, wie Nicolaisen auch Lernstrategien aufzuzeigen vermochte, sei am Beispiel der «Metakognition» veranschaulicht. Er gibt den Kursteilnehmenden das Rezept mit, Problemstellungen beim Coaching aus der Vogelperspektive einzunehmen. Dabei sind motivationale und emotionale Lernstrategen der fragestellenden Coaches besonders ergiebig, denn sie steigern die Fähigkeit der Lernenden, sich selbst zu beobachten. Auch hier geht es um die Kunst des bewussten Nachfragens: Machst du Pausen? Kannst du dich überhaupt einstellen auf deine ganze Situation? Die Selbstbeobachtung funktioniert dann gut, wenn sie mit geeigneten Stützstrategien kombiniert wird. Das heisst: Wenn es den Lernenden durch die Coaching-Impulse gelingt, sich dessen bewusst zu werden, ob sie einen sinnvollen Lernort haben, in ihren Lernstrategien und Gewohnheiten zielführend unterwegs sind, ihr Ordnungssystem ihre Art des Lernens fördert und sie die richtige «Prime-time» auswählen.
«Hinschauen und nachfragen ist oft besser als nur Studien konsultieren»
Nicolaisen zeigt sich als ausgebuffter Kenner von schulischen Konkret-Situationen und empfahl: «Schaut als Coaches immer die konkrete Situation der jeweils zu betreuenden Schülerinnen und Schüler an. Es reicht nicht, dass ihr Euch auf die wissenschaftlichen Studien-Ergebnisse stützt. Der Befund der morgenfaulen Schüler muss keineswegs stimmen.»
Ein paar nützliche Tipps zur Erfragung des Selbstbilds und der Motivation gab Nicolaisen auch preis: Er empfiehlt dazu «die Strategie des zirkulären Fragens. Wenn jemand anders dich sieht, wie z.B. deine beste Freundin, dein Grossvater: Wie würde er auf deine «situativ schlechte Leistung» reagieren? Diese Technik relativiert oft ein zu negatives Selbstbild.»
In Nicolaisens Repertoire fungiert auch die sogenannte «Lernfieberkurve». Lernende zeichnen für sich auf der X- und Y-Achse ein, wie gut sie in welchen Zeitabschnitten mit Schul-Alltags- und -Stresssituationen zurechtkommen und können das dann gemeinsam mit den aufmerksam nachfragenden Coaches analysieren. Die eigene Erfahrung des Schreibenden als Lerncoach zeigt: Mit dem konkreten Rückfragen durch den Lerncoach kommen Lernende schnell zu aufschlussreichen Erkenntnissen, was sie stresst, wo sie die Energien gezielter einsetzen und auf ihre Ressourcen achten müssen.
Prädikat der Weiterbildung: Unbedingt empfohlen!