Migrationsgesellschaftliche Verhältnisse im Kontext beruflicher und gymnasialer Bildung
Professionelle Deutungsmuster und institutionelle Bedingungen
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Pädagogische Hochschule FHNW
«…aber ich rutsch dann auch in die Stereotype hinein»
Fragen nach Chancengerechtigkeit und Vielfalt werden heute in Bildungspolitik und -forschung zentral verhandelt. Die Phase nach der obligatorischen Schulzeit ist dabei jedoch bislang wenig beleuchtet. Gerade die Sekundarstufe II ist entscheidend für die berufliche Zukunft und somit auch dafür, wie gesellschaftliche Ungleichheiten fortgeschrieben oder verringert werden. Massgeblich beeinflusst werden die Bildungschancen dabei u.a. durch Geschlecht und Migrationsbiografie. Das Projekt schliesst hier eine wichtige Forschungslücke. Es untersucht, wie Lehrpersonen an Berufsfach- und Gymnasialschulen mit sozialen Ungleichheiten umgehen und welche Rolle dabei Differenzlinien aufgrund von Migration und Geschlecht spielen. Im Projekt werden Befunde präsentiert, die an bestehende Diskurse zu differenzsensiblen und diskriminierungskritischen pädagogischen Ansätzen anknüpfen.
Bisherige Forschungsergebnisse
Die bisherigen Forschungsergebnisse legen nahe, dass Lehrpersonen wesentlich zur (Re-)Produktion von Differenz und Ungleichheiten beitragen. In der Berufsbildung werden Herkunft und Sprache häufig mit kulturalisierenden Zuschreibungen verknüpft. Lernende mit Migrationsbiografie werden teils anhand stereotyper Vorstellungen beschrieben, wodurch Unterschiede eher betont als hinterfragt werden. Viele Lehrpersonen sehen das Schweizer Berufsbildungssystem als Erfolgsmodell bzw. als das «genialste System» und «eines der besten Bildungssysteme» überhaupt. Gleichzeitig bleiben diskriminierende Mechanismen meist unsichtbar. Dabei wird deutlich, dass Lehrpersonen die Berufsbildung sowohl als System mit realen Aufstiegsmöglichkeiten als auch als Struktur wahrnehmen, deren Wege anspruchsvoll und selektiv sind. So wird eine Auseinandersetzung mit Chancen und Grenzen des Berufsbildungssystems sichtbar.
Im Gymnasium zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen kritischer Auseinandersetzung und der Orientierung an etablierten schulischen Praktiken sowie Geschlechter- und Leistungsnormen. Eine Gymnasiallehrerin führt hierzu an: «Ich glaube, ich habe das Vorurteil, dass Frauen fleissiger sind, weil es eben ja auch oft bestätigt wird, aber das ist genau der Teufelskreis». Einige Lehrpersonen hinterfragen Geschlechterrollen und Vorurteile im Zusammenhang mit sozialer Herkunft. Dieser kritische Blick richtet sich jedoch vor allem auf einzelne Schüler*innen, wodurch oft unsichtbar bleibt, wie gesellschaftliche Strukturen zur Aufrechterhaltung von Differenzen beitragen. Dennoch gibt es Ansätze, pädagogische Spielräume zu nutzen, um Lernbedingungen gerechter zu gestalten.
In beiden untersuchten Bereichen zeigen sich Ansätze, Geschlechternormen und kulturalisierende Deutungsmuster zu hinterfragen, etwa durch eine gendergerechte Sprachpraxis im Unterricht oder durch die Betrachtung eigener Sichtweisen in Bezug auf kulturalisierende Zuschreibungen und genderstereotype Vorstellungen. Kritische Auseinandersetzungen bleiben jedoch punktuell und sind bislang nicht als etablierter Bestandteil schulischer Praxis verankert.
SNF-Forschungsprojekt
Projektdauer: 01.01.2023 – 30.04.2026
Zur Projektwebseite
Projektverantwortliche
Prof. Dr. Maritza Le Breton, Institut Integration und Partizipation, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Dr. Susanne Burren, Leiterin Fachstelle Gleichstellung und Diversity, Pädagogische Hochschule FHNW
Projektmitarbeitende
Kyra Lenting, M.A., Institut Integration und Partizipation, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW
Daniel Nacht, stud. M.A., Institut Forschung und Entwicklung, Pädagogische Hochschule FHNW
Kontaktperson: Daniel Nacht, daniel.nacht@fhnw.ch