John Hatties Impulse für Chancengerechtigkeit
Ein Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Wir schaffen Chancengerechtigkeit und beseitigen entgegenstehende Hindernisse.
(Hattie et al., 2025, S. 11)
Was meint Hattie mit «Gerechtigkeit» im Bildungsbereich? Wie könnte sie gefördert werden?
Gerechtigkeit zeige sich zum einen in schulischen Leistungen. Oft ist damit das Erreichen von Bildungszielen gemeint. Hattie stellt die Fortschritte der Kinder und Jugendlichen ins Zentrum. Sie hätten das Recht auf ein Jahr Lernzuwachs für ein Jahr Lernen – unabhängig von Biografie, Postleitzahl, früheren Fähigkeiten (Hattie, 2024, S. 53). Lernzuwachs müsse stets für alle sichtbar sein – mittels formativer Tests und anderer Gelingensnachweisen.
Zum anderen gehe es um das Gefühl, «dazuzugehören und angenommen zu sein». Daher: «Lernklima geht vor, Lernprozess und Leistung folgen» (Hattie et al., 2025, S. 8).
Verantwortung liege stark bei den pädagogischen Fachpersonen. Sie sollten systembedingte Ungerechtigkeiten ansprechen und evidenzbasierte Praktiken einsetzen, die Ungleichheiten abmildern (Hattie, 2024, S. 38). Ein Beispiel sei der Aufbau von «Tiefenverständnis». Dieses sei für alle vorteilhaft, aber besonders für diejenigen, die von traditioneller Schulbildung abgekoppelt sind (ebenda, S. 259).
Hohe Erwartungen
Dabei ist Hattie nicht gutgläubig. Gerechtigkeit hänge nicht allein von der Pädagogik ab. Die leistungshomogene Klassenbildung (in den meisten Schweizer Schulen ab der Sekundarstufe I) sieht er kritisch. Diese mache gemäss Hunderter Studien kaum Unterschied beim Lernerfolg, auch nicht bei «Starken». Allerdings führe dieses «Tracking» bei «Schwachen» oft zu Motivationsverlusten bis hin zur Ablehnung von Schule an sich (ebenda, S. 140). Solange Tracking die Regel ist, müssten Schulleitungen und Bildungsverwaltungen gewährleisten, dass auch an Lernende auf mittlerem oder niedrigerem Leistungsniveau hohe Erwartungen gestellt werden und dass die Selektion innerhalb der Schule nicht zur «Apartheid» führt (Hattie, 2024, S. 151).
Grösstmögliche Spielräume
Politik und Verwaltung sollten den Schulen grösstmögliche Spielräume einräumen, um ein Jahr und mehr Lernzuwächse für alle zu gewährleisten. Dies gelte sowohl für die «Struktur», besonders die Klassenbildung, als auch für die «Pädagogik», die geschickte Kombination nachgewiesenermassen lernwirksamer Interventionen.
Hatties Impulse weitergedacht
Dass viele Lehrpersonen und Schulleitungen in der Schweiz solche Spielräume nutzen können und wollen, ist gewiss. Sichtbarmachen, Evidenzbasierung, Lernklima, professionelle Denkweisen und Kompetenzen, aber auch Offenheit von Politik und Gesellschaft für veränderungswillige Schulen gehören zur Grundausrüstung auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit mit grossen Lernfortschritten.
Prof. Dr. Wolfgang Beywl

Kaum ein anderer kennt John Hatties Werk so gut wie Wolfgang Beywl. Gemeinsam mit Klaus Zierer hat er die beiden Hattie-Bücher «Visible Learning» und «Visible Learning for Teachers» auf Deutsch herausgegeben und auf den deutschsprachigen Raum übertragen. Ausserdem führt er mit Kathrin Pirani an der PH FHNW die Initiative Lernen sichtbar machen und hat u.a. ein Wiki aufgeschaltet mit mehr als 400 Faktoren (Stand Ende 2024), welche gemäss Hattie die Lernleistung beeinflussen.
Literaturverweise
Hattie, John A. C. (2024): Visible Learning 2.0. Schneider Hohengehren.
Hattie, John A. C et al. (2025): Illustrierter Leitfaden: Lehren und Lernen sichtbar machen. Schule und Unterricht lernwirksam. Schneider Hohengehren.