«Wir sollten aufhören, über Migration zu jammern, und erkennen, welch positives Potenzial viele dieser Menschen mitbringen»

Roger Stiel, Schulleiter in Spreitenbach AG, wirkt neu als Berater in unserer Geschäftsstelle mit. Wir sprachen mit ihm über seine Hot-Spot-Sek, die Allianz Chance+ und die integrative Schule.
Roger Stiel, Sie kommen gerade zurück aus einer Woche Dienstaltersgeschenk. Wie lief der erste Schultag?
Ich habe den Laptop zu Hause vergessen (lacht), so gab es ein paar Gespräche mehr als geplant. Zum Glück waren alle erfreut, dass ich wieder da bin, das ist ja nicht selbstverständlich. Ich setze stark auf Beziehungen, mein Team ist super, der Betrieb läuft auch ohne mich, da fällt der Wiedereinstieg leicht. Und wenn’s mal schwierig wird, gehe ich mit meinem Hund spazieren.
Ihre Schule gilt als Hot-Spot-Schule. Was heisst das?
Unsere doch sehr routinierten Schulverwalterinnen sagen alle drei, vier Tage: «Das haben wir noch nie gehört oder gesehen!»
Ein Beispiel, bitte.
Eins von heute Morgen. Ein Schüler verliess am Morgen sein Zuhause, kam aber nie in der Schule an. Man erreichte ihn um 10 Uhr telefonisch und sagte ihm, er solle subito kommen. Klappte aber nicht. Um 12 Uhr ass er zu Hause Zmittag, danach wollte er angeblich in die Schule kommen, traf dort aber nie ein.
Was steckt dahinter?
Wissen wir noch nicht. Zusammen mit den Eltern, der Caritas, der Berufsberatung und den Lehrpersonen versuchen wir nun den Jungen wieder in die Spur zu bekommen. Die Caritas klärt die familiären Verhältnisse ab, die hat für solche Fälle viel Know-how. Dann sehen wir weiter. Denn schliesslich sind wir für diese Kinder verantwortlich, zumindest bis zum Ende der Volksschule.
Apropos Hot-Spot-Schule. Schweizer sind in Spreitenbach wohl eine Minderheit?
60 Prozent der Sek-Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund, in der Primarschule sind es 80 bis 95 Prozent.
Sie sind seit 15 Jahren Schulleiter in Spreitenbach. Wie hat sich Ihr Job in dieser Zeit verändert?
Ich bin besser geworden (lacht).
Sie haben mehr Erfahrung?
Ja, zu Beginn war vieles Neuland: die Probleme, die Lösungsansätze, die Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrpersonen sowie die Möglichkeiten des Systems. Inzwischen habe ich eine grosse Zahl von Vorfällen, mit denen ich Kategorien bilden und daraus Massnahmen ableiten kann. Nehmen wir das erwähnte Beispiel von Schulabsentismus: Welche Optionen haben wir? Was funktioniert, was nicht? Wen sollten wir miteinbeziehen? Meine heutige Erfahrung hilft, das Problem zu bearbeiten, auch wenn jeder Fall einzeln abgeklärt werden muss.
Sind auch die Herausforderungen grösser geworden?
Nicht unbedingt. Kinder sind Kinder, gestern wie heute. Wir registrieren aber vermehrt Schulabsentismus und Disziplinarprobleme. Jetzt steht Halloween an, mir schwant Böses. Die letzten zwei Jahre waren Saubannerzüge angesagt, bei der Polizei stehen zwei Corps bereit. Manchmal komme ich mir vor wie Kitt beim Mauerbau.
Wie meinen Sie das?
Dass ich qua meiner Präsenz zuständig dafür bin, den Zusammenhalt des Systems und die Vernetzung zu fördern. Ich bin sehr gern Schulleiter in Spreitenbach. Gerade bei herausfordernden Situationen mit Schülerinnen und Schülern ist es bedeutend, dass es allen wichtig ist, ein funktionierendes soziales Gefüge aufrecht zu halten. Wenn man gerne Probleme mit guten Leuten gut lösen will, ist man bei uns richtig.
Wer sind diese «guten Leute»?
Wir sind sechs sehr erfahrene Schuleiter:innen. Unsere Lehrpersonen und die Schulsozialarbeitenden machen super Arbeit. Alle sind immer wieder gefordert, mit all diesen Herausforderungen umzugehen. Ohne Zusammenarbeit, Kreativität und Beziehung(en) läuft nichts. Vielleicht ist es gerade der hohe Grad an notwendiger Kooperation, dass wir als Schule bestehen können.
Man könnte meinen, Sie hätten genug zu tun. Trotzdem haben Sie vor sechs Jahren das Förderprogramm chagall Baden mitbegründet. Warum eigentlich?
Erstens sind meine Lehrpersonen und ich froh um jede Unterstützung von aussen. Zweitens beurteilen wir unsere Schülerinnen und Schüler perspektivisch, können ihnen passende Anschlussmöglichkeiten, eine anspruchsvolle Berufsbildung oder eine weiterführende Schule ermöglichen, das ist super. Wir fragen uns in der Beurteilungskonferenz, welches Potenzial jemand für die nächste Stufe mitbringt: Ist das ein chagall-Schüler, eine chagall-Schülerin oder nicht? Drittens, der enge, freundschaftliche und direkte Kontakt zur Kanti Baden. Das ist nicht nur für mich ein Gewinn, sondern auch für unsere Schülerinnen und Schüler und für die Lehrpersonen, die als chagall-Coaches ein Job Enrichment erhalten.
Eine Art pragmatische Kooperation im Dienst der Chancengerechtigkeit. Warum ist diese im Kanton Aargau so ausgeprägt wie nirgendwo sonst?
Schlüsselperson ist sicher Daniel Franz, der Rektor der Kanti Baden und Mastermind von chagall Baden. Er versteht es wie kaum ein anderer, Menschen zusammenzubringen. Wir haben auf verschiedenen Ebenen starke, enorm engagierte und erfahrene Persönlichkeiten, die sich sehr gut verstehen, die Problematik erkennen und gemeinsam Lösungen suchen.
Sie leiten eine integrative Schule, dieser schlägt aber politisch starker Gegenwind entgegen. Funktioniert die integrative Schule nicht?
Es kommt darauf an. Voraussetzung für Erfolg ist, dass die schulische Heilpädagogik und die Lehrpersonen gut zusammenarbeiten. Notwendig ist zudem ein grosses methodisches Knowhow, um eine Balance zwischen kollektivem und individualisiertem Unterricht herzustellen.
Das aber setzt entsprechende Ressourcen voraus, nicht zuletzt finanzielle.
Nicht unbedingt. Mehr Ressourcen heisst auch mehr Abhängigkeit von der Politik, und die Erwartung, alle Kinder auf ein gewisses Bildungsniveau zu heben, wächst. Nehmen wir als Beispiel den Kindergarten. Manchmal können Kinder ganz einfach nicht oder noch nicht eingeschult werden. Das Schulsystem reagierte, indem es Assistenzstellen schuf. Diese Hilfskräfte aber können die Probleme bloss lindern, nicht lösen. Denn sie müssten eigentlich Kompetenzen mitbringen, die zum Teil selbst Lehrpersonen fehlen. Das kann nicht funktionieren.
Kurzum, wenn Integration gelingen soll…
…müssen unsere Schulen Kompetenzzentren sein mit allen nötigen Berufsgattungen: Sozialpädagogen, Schulpsychologen, Krankenschwestern und so weiter. Es braucht mehr Fachkompetenz im System, nicht zuletzt, um die Lehrpersonen zu schützen.
Ihr offenkundiges grosses Interesse an gerechten Bildungschancen, worin wurzelt das?
Mein Eltern kamen in den Sechzigern aus Deutschland in die Schweiz. Deutsche waren damals nicht so gern gesehen. Als ich einmal von der Primarschule nach Hause kam, stand auf der Strasse «Hitlerjunge» geschrieben. Ausserdem lebten wir in einem Haus, das grossteils von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnt wurde. Und ich spielte Fussball, schon damals waren die Klubs sehr wichtig für die Integration. Ich sagte mir: Wenn ich dazu beitragen kann, etwas für die Bildung all dieser Menschen zu tun, ist das eine gute Sache.
Dazu zählt auch die Allianz Chance+, die Sie mitbegründet haben. Warum braucht es diese?
Mich hat immer die Systemebene im Bildungswesen interessiert. Viele Schulen haben Good Practice in Sachen Chancengerechtigkeit entwickelt, aber es braucht zusätzlich Organisationen, um die Schulen auf weiteren Ebenen zu unterstützen.
Zum Beispiel?
Punkto Agenda Setting in der Öffentlichkeit, besonders aber in politischer Hinsicht. Wenn es gelingen soll, mehr Bildungsgerechtigkeit herzustellen, dann nur im Zusammenspiel von Pädagogik und Politik.
Ist die Allianz diesbezüglich auf gutem Weg?
Ich glaube schon. Die mediale Resonanz etwa auf die Studie «Bildungsgerechtigkeit – Chance für die Schweizer Wirtschaft» war enorm. Forschungsprojekte wie der «Chancenindex für Schulen» sind super, ebenso die Erweiterung unserer Programme mit «Chance P+». In der Politik ist der Weg aber steiniger. Sollte sich der Ruf nach Separation weiter verstärken, können wir irgendwann «Ausländerschulen» aufmachen. The trend is not our friend, leider.
Jetzt wechseln Sie vom Vorstand in die Geschäftsleitung der Allianz. Was versprechen Sie sich davon?
Vor allem eines: Die Chance, mit Schulen in der ganzen Schweiz Kontakt aufnehmen zu können, die sich für Bildungsgerechtigkeit engagieren. In diesem Bereich hoffe ich auch, meine Ideen und mein Knowhow als Schulleiter und ehemaliger Dozent für Unterrichtsentwicklung einbringen zu können.
Wenn Sie ein wenig träumen, wo steht die Allianz in fünf Jahren?
Es wäre toll, wenn wir unsere Förderprogramme flächendeckend in der ganzen Deutschschweiz verbreiten könnten. Ich hoffe, dass unser neues Projekt «Chance P+» auf Stufe Primarschule wesentlich dazu beitragen kann.
Und auf der politischen Ebene?
Wir sollten aufhören, über Migration zu jammern, sondern endlich erkennen, welch positives Potenzial viele dieser Menschen mitbringen. Wir brauchen sie, dringend. Wenn ich meine Schülerinnen und Schüler anschaue: Die überwiegende Anzahl von ihnen strebt einen erfolgreichen Bildungsweg an, und zwar unter schwierigsten Bedingungen. Nur sollten sie die gleichen Chancen wie Schweizer Kinder erhalten. Wenn wir das hinkriegen, profitieren alle.