Durch Knowledge Brokerage zur chancengerechten Schule
Ziele, Aufgaben und Gelingensbedingungen einer innovativen Methode
Von Dr. Elias Schmid, Co-Leiter Chancengerechte Schule, Fachbereich Wissensvermittlung

Bildungserfolg hängt massgeblich von der sozialen Herkunft ab. Das zeigen Studien seit den 1960er-Jahren regelmässig. Zum ersten Mal habe ich davon in meinem Studium zum Primarlehrer gehört. Seither lässt mich das Thema nicht mehr los. Ich habe meine Bachelorarbeit zur «sozialen Vererbung von Bildungsarmut» verfasst und mich anschliessend an der Universität Bern eingeschrieben, um mich bei Prof. Rolf Becker weiter mit Bildungsungleichheiten auseinanderzusetzen.
Später wurde ich Dozent für Bildungssoziologie an der PH NMS Bern und auch in meiner Dissertation habe ich dem Thema «Gerechtigkeit» ein Kapitel gewidmet. Da mir die Thematik persönlich wichtig ist, haben mich das neue Handlungsfeld «Chancengerechte Schule» und die Stelle als Knowledge Broker sofort angesprochen. Die Allianz Chance+ setzt sich seit Jahren engagiert, erfolgreich und – für mich besonders wichtig – wissenschaftsorientiert und faktenbasiert für gerechte Bildungschancen ein. Gerne trage ich hier zur chancengerechten Schule bei.
Knowledge Brokerage – Vermittlungsarbeit an der Schnittstelle von Forschung, Schulpraxis und Politik
Das Konzept «Knowledge Brokerage» basiert auf der Annahme, dass Forschung, Schulpraxis und Politik voneinander getrennte Welten mit unterschiedlichen Logiken sind, die nur durch Vermittlungsarbeit miteinander verbunden werden können. Rechsteiner et al. (2024) sprechen in diesem Zusammenhang von lose gekoppelten Systemen (loosely coupled systems), die durch Schnittstellenarbeit (working the interface) miteinander verknüpft werden. Als Knowledge Broker bin ich demnach ein Grenzgänger (boundary spanner) und Systemreisender (system traveler), der sich in unterschiedlichen Welten (distinct social worlds) bewegt, um die Gräben zwischen den verschiedenen Akteur:innen zu überwinden (bridging the gaps).
Meine Aufgaben als Knowledge Broker
Wie sieht diese Vermittlungsarbeit konkret aus? Als Knowledge Broker bei der Allianz Chance+ übernehme ich folgende Aufgaben:
Wissensvermittlung
- Erkennen von Trends durch Beobachtung der Entwicklungen rund um das Thema Bildungsgerechtigkeit in Schule und Forschung.
- Beitrag zum Kapazitätsaufbau in der Schulpraxis (und Politik) durch Sammlung, Sichtung und zielgruppengerechte Aufbereitung von Forschungsergebnissen – in enger Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Melina Hächler.
- Einbringen von Fragen und Erfahrungen aus der Schulpraxis in Forschungs- und Entwicklungsprozesse an Hochschulen und Universitäten.
Netzwerkarbeit
- Entwicklung und Pflege verlässlicher Beziehungen zu Akteur:innen aus Forschung, Pädagogischen Hochschulen, Schulpraxis, Politik und Verwaltung.
- Beitrag zum intensiveren Austausch und zur verbesserten Verständigung zwischen den unterschiedlichen Perspektiven und Logiken dieser Akteur:innen.
- Positionierung der Allianz Chance+ als kompetente und gut vernetzte Stimme in Sachen Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz.
Agenda Setting
- Sichtbarmachung von Forschungsergebnissen für die Schulpraxis (und die Politik) durch zielgruppengerechte Vorträge und Publikationen.
- Repräsentation der Allianz Chance+ in Fachgruppen, Kommissionen und Expert:innengremien von Forschung und Politik.
- Verbreitung des Fachwissens, der Erfahrungen und der Erfolge der Allianz Chance+ in Vorträgen, Workshops und Publikationen.
Gelingensbedingungen und Herausforderungen der Vermittlungsarbeit
Laut Rechsteiner et al. (2024) müssen drei Bedingungen erfüllt sein, damit Knowledge Broker:innen erfolgreich sind. Ihre Rolle setzt erstens Glaubwürdigkeit voraus, die profundes Fachwissen und langjährige Erfahrungen erfordern.
Zweitens entscheidet die Legitimität der Vermittlungsarbeit über deren Gelingen. Die Allianz Chance+ ist durch ihre Förderprogramme und ihre Präsenz bei Tagungen, Workshops und in Gremien bereits heute eine wichtige Stimme im Kampf für Chancengerechtigkeit. Dies ist eine hervorragende Ausgangslage für den Erfolg von Knowledge Brokerage.
Allerdings hängt die Verwirklichung der chancengerechten Schule neben der Wissensvermittlung auch von der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen durch die Politik ab. Hier sehe ich eine Herausforderung: Zwar liegen seit Jahrzehnten zahlreiche Studien zur ungleichen Verteilung von Bildungschancen vor; an Evidenz fehlt es also nicht, sondern an einem breiter abgestützten politischen Reformwillen.
Drittens basieren Netzwerke auf verlässlichen Beziehungen, die Vertrauen voraussetzen. Glücklicherweise verfügt die Allianz Chance+ bereits über ein gut ausgebautes Netzwerk mit vielfältigen Kontakten. Daran hoffe ich in meiner Arbeit anknüpfen zu können.
Ich bin hochmotiviert und freue mich darauf, als Knowledge Broker den Austausch zwischen den Welten Forschung, Schulpraxis und Politik zu fördern und mich aktiv für eine chancengerechte Schule einzusetzen.
Literaturempfehlungen
Baek, C. & Steiner-Khamsi, G. (Hrsg.). (2024). The rise of knowledge brokers in global education governance. Cheltenham/Northampton: Edward Elgar Publishing Limited.
Maag, S., Alexander, T. J., Kase, R. & Hoffmann, S. (2018). Indicators for measuring the contributions of individual knowledge brokers. Environmental Science & Policy, 89, 1–9. https://doi.org/10.1016/j.envsci.2018.06.002
Neal, J. W., Neal, Z. P., Kornbluh, M., Mills, K. J. & Lawlor, J. A. (2015). Brokering the Research-Practice Gap: A typology. American Journal of Community Psychology, 56(3–4), 422–435. https://doi.org/10.1007/s10464-015-9745-8
Rechsteiner, B., Kyndt, E., Compagnoni, M., Wullschleger, A. & Maag Merki, K. (2024). Bridging gaps: a systematic literature review of brokerage in educational change. Journal of Educational Change, 25(2), 305–339. https://doi.org/10.1007/s10833-023-09493-7