Die Mär von der chancengerechten Schweiz – einmal mehr aufgewärmt

Von Thomas Meyer, Vorstandsmitglied der Allianz Chance+, Bildungssoziologe, Gründer und bis 2024 Co-Leiter der TREE-Studie

Das Rätsel ist gelöst. Sagt die NZZ und beruft sich auf eine Studie des Luzerner Instituts für Wirtschaft und Politik (IWP).[1] Gemeint ist nicht weniger als der «Erfolg im Leben». Und der, so NZZ und Studie, sei darauf zurückzuführen, dass die Schweiz punkto Chancengleichheit und Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs internationale Spitze sei. Wunderbar. Freut und schmeichelt uns natürlich sehr. Aber wie kommen die denn darauf?

Wer sich die Mühe macht, die Studie zu lesen, erfährt: Die IWP-Forscher:innen haben untersucht, in welchem Ausmass das elterliche Einkommen die Einkommensunterschiede beeinflusst, die zwischen ihren Kindern bestehen, wenn diese später einmal (gut dreissigjährig) selber erwerbstätig sind. Ergebnis: Das Einkommen der Eltern in der Schweiz «erklärt» nur ungefähr einen Sechstel der geschwisterlichen Unterschiede zwischen ihren Kindern. Wenn man in der Analyse noch weitere elterliche Merkmale wie Familiengrösse, Bildung, Geburtsland, Zivilstand und Religion mitberücksichtigt, sinkt dieser Anteil gar auf 12 Prozent.

Was für Schlüsse ziehen nun die Autor:innen aus ihren Ergebnissen? Nun, sie sind zunächst vorsichtiger, als es die NZZ-Schlagzeile vermuten liesse. Sie schreiben, dass die Treiber der geschwisterlichen Einkommensunterschiede «largely elusive» bleiben, also schwer fassbar. Das wären dann die übrigen titelgebenden «mysteriösen» 84 bis 88 Prozent der Unterschiede, die sich nicht mit den beobachteten familiären Einflüssen erklären lassen. Die Autor:innen können sich den grossen ungelüfteten Teil des «Mysteriums» dann aber nur so erklären, dass er auf eine im internationalen Vergleich hohe soziale Mobilität und auf einen minimalen Einfluss von diskriminierenden Faktoren hinweise. Die NZZ spitzt das dann so zu: «Wer will, kann sozial aufsteigen, unabhängig von seiner Herkunft.»

Und was ist mit der Bildung?

Nun, wir hätten da schon noch ein paar andere Erklärungsansätze. Dafür muss man zunächst noch nicht mal die zahllosen Studien bemühen, die seit Jahrzehnten mit erdrückender empirischer Evidenz belegen, in welchem Ausmass der «Erfolg im Leben» in der Schweiz von der sozialen Herkunft geprägt ist. Es genügt, nochmals einen aufmerksamen Blick auf die IWP-Studie selber zu werfen. Dort erfährt man nämlich weiter, dass die Autor:innen auch berechnet haben, wie gross der Einfluss der elterlichen Bildung auf die Einkommensunterschiede ihrer Nachkommen ist. Das Ergebnis: Doppelt so gross wie der Einfluss des elterlichen Einkommens, nämlich rund ein Drittel statt ein Sechstel. Leider schafft es dieser Befund nicht einmal ins Fazit der Studie, geschweige denn in die Schlagzeilen der NZZ.

Und die Bildung der Nachkommen selber? Die kommt in den Analysemodellen der IWP-Studie nirgends vor. Ja Moment mal: Wurde uns denn nicht vom ersten Schultag an (mit gutem Grund) vorgebetet, dass, wer etwas Rechtes werden will, auch etwas Rechtes lernen muss? Oder, etwas soziologischer ausgedrückt: dass Bildung in modernen Wissensgesellschaften der Schlüssel zum Erfolg schlechthin ist? Wie will man denn um Himmels Willen den «Erfolg im Leben» beurteilen – und sei’s auch nur gemessen daran, wieviel der Bruder im Vergleich zur Schwester verdient –, wenn man deren Bildungsstand nicht kennt? Man kann getrost davon ausgehen, dass das «Mysterium» der unerklärten Lohnunterschiede zwischen Geschwistern nochmals beträchtlich kleiner wird, wenn man berücksichtigt, was für einen Bildungs­abschluss sie erworben haben. Denn wenn die Forschung der letzten Jahrzehnte eines gezeigt hat, ist es dies: «Weltmeisterlich» unterwegs ist die Schweiz nachweislich punkto «Bildungsvererbung», d.h. beim Einfluss, den das Elternhaus bzw. die soziale Herkunft auf den Bildungserfolg ihrer Kinder hat.

Es scheint uns vor diesem Hintergrund deshalb abenteuerlich, mit Blick auf die Schweiz das Paradies der Chancengleichheit und der barrierefreien sozialen Mobilität auszurufen.


[1] Jonas Bühler, Melanie Häner-Müller & Christoph A. Schaltegger (2026): The Mystery of Success: How Family Background Shapes Social Mobility. Review of Income and Wealth. https://doi.org/10.1111/roiw.70073

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