Chancengerechtigkeit in der Berufsbildung – viel Potenzial nach oben

BFS-Studie zum Sek-II-Abschluss und sozioökonomischem Hintergrund

«Wir müssen den inländischen Talentpool besser ausschöpfen!» Mantramässig ergeht dieser Appell in fast jedem Interview, das Wirtschaftsvertreter:innen und Politiker:innen zum viel beschworenen Fachkräftemangel geben. (1) Sie meinen meist: bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen (seit Jahren ungelöst wegen den Kosten und einem überkommenen Familienmodell). Oder: weniger Teilzeitarbeit (stösst sich an gesellschaftlichen Trends). Und: ältere Arbeitnehmer:innen länger im Erwerbsleben halten (seit Jahren ungelöst wegen den Kosten und der Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt).

Selten meinen sie: das Potenzial Tausender Jugendlicher besser fördern. Gemäss unserer Studie «Bildungsgerechtigkeit – Chance für die Schweizer Wirtschaft» (2023) betrifft dies jährlich rund 14000 junge Menschen, vor allem aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen und mit Migrationshintergrund. (2) Eine neue Längsschnittanalyse des Bundesamts für Statistik (BFS) zu den Abschlüssen auf Sekundarstufe II zeigt, dass hier vernachlässigtes Potenzial schlummert. (3)

It’s the social background, stupid!

Grundsätzlich belegt die BFS-Studie einmal mehr den signifikanten Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg: Fast jede/r zehnte Jugendliche verfügt mit 25 über keinen Abschluss auf Sekundarstufe II. Überdurchschnittlich viele von ihnen sind fremdsprachig, stammen aus Haushalten mit tiefen Erwerbseinkommen und aus Familien, die Sozialhilfe beziehen. Kommt hinzu, dass Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen sich häufiger in (Berufs-) Ausbildungen befinden, die eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt ermöglichen (EBA oder EFZ).

Besonders relevant für die Ausschöpfung des inländischen Talentpools: Sozioökonomische Faktoren wirken ebenso stark auf den Erwerb einer Matura (Gymnasium und Berufsmatura) und damit den Zugang zur tertiären Bildung. Nur 13,2 % der Jugendlichen, deren Eltern dem tiefsten Nettoäquivalenz-Erwerbseinkommen angehören, schliessen die Sekundarstufe II mit einer gymnasialen Matura ab, während dies bei 51,5 % der Jugendlichen aus den Elternhäusern mit den höchsten Einkommen gelingt. Die Unterschiede bleiben bestehen, wenn die Berufsmatura (BM 1 und 2), der «Königsweg der Berufsbildung», miteinbezogen wird. Lediglich 30,6 % der Jugendlichen aus Haushalten des 1. Quintils des Nettoäquivalenz-Erwerbseinkommens erwerben eine Matura (gymnasial und BM), während dieser Anteil bei jenen des 5. Quintils 72,7% beträgt.

Erfolgsmodell Berufsmatura hat auch Schwächen

Offenbar hat der Königsweg der Berufsbildung für sozioökonomisch benachteiligte Jugendliche Potenzial nach oben. Gleichwohl wird die 1993 eingeführte Berufsmaturität zu Recht als Erfolgsmodell bezeichnet. Sie hat die Berufsbildung gestärkt, indem sie die Maturaquote erhöhte, die Durchlässigkeit des Schweizer Berufsbildungssystems hin zu Hochschulausbildungen verbesserte und zur Deckung des Fachkräftemangels beitrug. In vielen Punkten hat sich die BM bewährt, doch das Erfolgsmodell weist mit Blick auf die Chancengerechtigkeit Schwächen auf, die offenbar schwierig zu beheben sind:

  • I’ts the social background, stupid! Während bei den einheimischen Jugendlichen 16,6 Prozent eine BM1 oder BM2 erlangen, sind es bei den in der Schweiz geborenen Ausländer:innen 10,6 Prozent und bei im Ausland geborenen Jugendlichen 6,7 Prozent. Zudem verfügen BM-Lernende häufiger über einen Schweizer Pass und einen Elternteil mit einer Tertiärbildung als EFZ-Lernende. Fazit der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB): «Jugendliche aus sozioökonomisch besser gestellten Elternhäusern haben bessere Chancen, eine BM zu absolvieren als benachteiligte Jugendliche.» (4)
  • Seit rund zehn Jahren stagniert die Zahl der Lernenden, die eine BM absolvieren. (5) Ebenso stagniert die Zahl der BM-Abschlüsse. (6)
  • Rund 13 % der Lernenden machen den berufsbegleitenden BM1-Abschluss, also während ihrer Lehrzeit (Tendenz abnehmend), 10% den BM2-Abschluss nach Lehrabschluss (Tendenz zunehmend). Das ist aus Sicht der Chancengerechtigkeit problematisch, denn nur die lehrbegleitende BM1 ist kostenlos. Die BM2 als vollschulisches Angebot nach der beruflichen Grundbildung hingegen nicht: In vielen Kantonen müssen die Lernenden die finanziellen und zeitlichen Aufwendungen selbst übernehmen. (7)
  • Der Rückgang der BM1-Lernenden «deutet auf eine ungenügende Passung zwischen Zielgruppe und Anforderungen respektive auf eine unpassende Selektion hin». (8) Zu Deutsch: Etliche Lehrbetriebe raten von der BM ab, sei es aus Kostengründen oder weil sie gegen die Akademisierung ihrer Berufe sind. Komplementär dazu empfinden es Lernende zu anspruchsvoll, Lehre und Ausbildung zu kombinieren. Das dürfte nicht zuletzt auf Lernende mit Migrationshintergrund zutreffen, deren Familien wenig Unterstützung bieten können oder ungenügend über die BM-Chancen informiert sind.
  • Die Berufsmaturität dient in erster Linie dazu, an eine Fachhochschule überzutreten. Nur zwei Drittel der Lernenden mit BM-Abschluss ergreifen binnen 24 Monaten ein Studium an einer Uni, einer Fach-oder pädagogischen Hochschule. Bei den Gymnasiast:innen sind es 94 Prozent. (9)

Insgesamt scheint es, dass die Schwächen der BM gleichsam systemimmanent sind, denn die so genannten Verbundpartner der Berufsbildung – Bund, Kantone, Organisationen der Arbeitswelt – haben im letzten Jahrzehnt zahlreiche Initiativen lanciert, um die BM als attraktives Bildungsangebot für die Zukunft zu erhalten und zu stärken.

Grosse Anstrengungen von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt

Schon vor zehn Jahren dokumentierte die umfangreiche und detaillierte Untersuchung «Konzept zur Stärkung der Berufsmatura» Schwachpunkte, von denen viele bis heute bestehen. (10) Daraufhin wurden den Kantonen 2017 vier Eckwerte unterbreitet, um die BM-Ausbildung flexibler zu gestalten. Allerdings haben die Kantone diese unterschiedlich umgesetzt, und die Wirkung der Massnahmen ist noch unerforscht. (11)

2018 lancierten die Verbundpartner die breit angelegte Informations- und Kommunikationsoffensive «mehr drauf», mit dem informativen Internetportal www.berufsmaturität.ch als Kernstück. Mit dem Projekt «Berufsmaturität 2030» sollen schliesslich die Berufsmaturitätsverordnung (BMV) sowie der Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität (RLP BM) im Hinblick auf die Studierfähigkeit optimiert werden. Zudem ist erneut geplant, «Information und Kommunikation rund um die BM» zu stärken. Die Berufsmaturitätsverordnung und der Rahmenlehrplan sollen am 1.1.2026 in Kraft treten. (12)

Die Stärkung der Berufsmaturität ist also ein strategisches Ziel des Bundes, der Kantone und der Organisationen der Arbeitswelt, damit sie eine attraktive Ausbildung für leistungsstarke Jugendliche bleibt. Indes, in allen Initiativen, Projekten und Studien zur BM ist Chancengerechtigkeit bloss am Rand ein Thema. «Die Berufsmaturität hat noch viel Potenzial», bilanziert die EHB, «um den Bedarf an Fachkräften besser auszuschöpfen.» (13) Mit Blick auf den unausgeschöpften inländischen Talentpool wäre hinzuzufügen: Hoffentlich auch für Jugendliche aus benachteiligten Verhältnissen.

  1. https://www.tagesanzeiger.ch/economiesuisse-praesident-zu-den-folgen-der-zoelle-von-trump-123635446639
  2. https://chanceplus.ch/wp-content/uploads/2023/11/231028_J.DInca_.pdf
  3. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home.assetdetail.34467385.html
  4. https://www.ehb.swiss/forschung/obs/trend-im-fokus-berufsmaturitaet
    https://www.ehb.swiss/sites/default/files/2023-02/BWP_2023_H1_39ff.pdf
  5. https://www.ehb.swiss/sites/default/files/trendbericht_4_de_v1-web.pdf
    https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung/sekundarstufe-II/ausbildungen.html
  6. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/bildungsabschluesse/sekundarstufe-II/allgemeinbildende-ausbildungen.html
  7. https://www.ehb.swiss/forschung/obs/trend-im-fokus-berufsmaturitaet
  8. https://www.ehb.swiss/sites/default/files/trendbericht_4_de_v1-web.pdf
  9. https://www.ehb.swiss/forschung/obs/trend-im-fokus-berufsmaturitaet
  10. file:///Users/3kp_home/Downloads/konzept_zur_staerkungderbm-4.pdf
  11. https://www.ehb.swiss/die-berufsmaturitaet-hat-noch-viel-potenzial
  12. https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/bildung/maturitaet/berufsmaturitaet/projekte-zur-berufsmaturitaet.html
  13.  https://www.ehb.swiss/die-berufsmaturitaet-hat-noch-viel-potenzial

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