Arbeiterkinder und Chancengerechtigkeit
Jürg Schoch über die neue Studie von Margrit Stamm
Neben dem «Grips» spielt für den Bildungsaufstieg die soziale Herkunft die Hauptrolle. Natürlich müssen nicht alle ins Gymnasium. Aber zu viele intellektuell begabte und akademisch interessierte Kinder aus Arbeiter- und einfach gestellten Migrantenfamilien schaffen dies «nach wie vor selten» (S.13). Denn sie bekommen «keine angemessene Gelegenheit dazu» (a.a.O.).

Margrit Stamm findet in ihrem neuesten Buch klare Worte. Das Bildungssystem sei in Bezug auf die Chancengerechtigkeit «in Schieflage» (S.14). Durch vermeintlich objektive Selektion würden «soziale Unterschiede in solche angeborener Intelligenz umgedeutet». Überdies scheine das meritokratische Prinzip grundsätzlich ungeeignet, soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten (S. 30).
Die Autorin weiss, wovon sie schreibt. Selbst Tochter eines Sattlers und einer Akkordarbeiterin, hat sie es bis in die höchsten akademischen Sphären geschafft. Trotz Aufstiegsangst. Dank Fleiss, aber auch viel Glück (S.9). Das nimmt sie zum Anlass für eine Untersuchung von rund dreihundert Arbeiterkindern aus dem deutschsprachigen Raum, die eine Matura bzw. ein Abitur geschafft haben. Sie schauen aus zwanzig Jahren Distanz auf ihren gymnasialen Bildungsweg zurück. Die Online-Befragung und die elf Tiefeninterviews können zwar keine Repräsentativität für sich beanspruchen, fördern aber aussagekräftige Eindrücke und Schlussfolgerungen zu Tage.
Vier idealtypische Gruppen von erfolgreichen Arbeiterkindern
Die Befragten bezeichnen Motivation, Fleiss und Begabung als wichtige Erfolgsfaktoren, hinter denen die Bedeutung sozialer Unterstützung in der subjektiven Rückschau eher zurücktritt (S. 67 ff). Stamm untersucht ganz bewusst nur Erfolgreiche deutscher Muttersprache und möchte wissen, wie sie «against all odds» den Bildungsaufstieg geschafft haben. Dabei wird durch eine Clusteranalyse klar, dass es sich keineswegs um eine einheitliche Gruppe handelt. Die Analyse fördert vier idealtypische Teilgruppen von erfolgreichen Arbeiterkindern zu Tage, die in Bezug auf die Persönlichkeitsmerkmale, die soziale Unterstützung, das Verhältnis zur Herkunftsfamilie und die sich ihnen stellenden Herausforderungen deutliche Unterschiede aufweisen (S. 72 ff und 100 ff).
Die hartnäckigen Fleißigen: (65% Frauen, 35% Männer)
- Merkmale: Hohe Hartnäckigkeit und Fleiss, aber geringes Selbstvertrauen.
- Unterstützung: Eltern sind eher passiv ermutigend, wenig schulische Unterstützung.
- Verhältnis zur Familie: Widersprüchlich. Einerseits besteht der Wunsch, sich vom Herkunftsmilieu zu distanzieren, andererseits bleibt die familiäre Bindung stark. Sie empfinden Dankbarkeit, aber auch eine gewisse innere Spaltung.
- Herausforderungen: Fühlen sich oft als Aussenseiter und erleben eine gewisse Isolation.
Die familiär Unterstützten: (39% Frauen, 61% Männer)
- Merkmale: Hohe Bildungsambitionen und Unterstützung durch die Eltern.
- Unterstützung: Eltern fördern aktiv durch kulturelle Aktivitäten wie Bibliotheksbesuche.
- Verhältnis zur Familie: Positiv und stabil. Diese Gruppe hat wenig Ablösungsprobleme und empfindet Dankbarkeit gegenüber den Eltern für deren Unterstützung.
- Herausforderungen: Weniger Unterstützung durch Lehrkräfte, aber starke familiäre Rückendeckung.
Die schulisch Geförderten: (48% Frauen, 42 % Männer)
- Merkmale: Geringes Selbstvertrauen, aber hohe Unterstützung durch Lehrkräfte.
- Unterstützung: Lehrkräfte spielen eine entscheidende Rolle, indem sie das Potenzial erkennen und fördern.
- Verhältnis zur Familie: Kompromissbereit. Diese Gruppe versucht, in beiden Welten zu leben und das Konfliktpotenzial zu meistern. Sie haben oft Loyalitätskonflikte, aber keine vollständige Distanzierung.
- Herausforderungen: Eltern sind oft skeptisch gegenüber dem Gymnasium.
Die selbstüberzeugten Distanzierten: (47% Frauen, 43% Männer)
- Merkmale: Hohes Selbstvertrauen und Überzeugung, es alleine zu schaffen.
- Unterstützung: Wenig Unterstützung durch Eltern und Lehrkräfte, aber starkes eigenes Durchhaltevermögen.
- Verhältnis zur Familie: Deutliche Distanzierung. Diese Gruppe grenzt sich stark von ihrem Herkunftsmilieu ab und hat wenig Dankbarkeit gegenüber der Familie. Sie erleben oft Konflikte und Kontaktabbrüche.
- Herausforderungen: Deutliche Distanzierung von der Familie und dem Herkunftsmilieu.
Aufstiegsangst
Dieser Typologie vorangestellt sind Befunde über die mit dem Bildungsweg nach oben verbundene Aufstiegsangst, die eine Mehrheit der Befragten kannte und kennt (S. 48 ff). Sie hat vielfältige Facetten: Die Furcht vor dem Versagen und der Überforderung im Gymnasium, die Angst, sich vom Herkunftsmilieu zu entfremden. Diese Angst wird durch verschiedene Faktoren verstärkt, darunter die Skepsis der Eltern gegenüber dem Gymnasium, die fehlende Unterstützung bei schulischen Aufgaben und die Sorge, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Arbeiterkinder müssen oft zwischen den Erwartungen ihrer Familie und den Anforderungen der neuen schulischen Umgebung navigieren, was zu inneren Konflikten und Selbstzweifeln führen kann. Sie bringen einen andern Habitus mit, erleben das hautnah im Kontakt mit den neuen Peers aus privilegierten Familien und entwickeln so oft das Gefühl, «fehl am Platz zu sein» (S. 54). Denn sie leben oft in zwei Welten, von denen die neue fremd ist.
Trotzdem haben die Befragten den höchsten Allgemeinbildungsabschluss auf Sekundarstufe II geschafft. 81 Prozent von ihnen verfügen über einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss, darunter 25 Prozent über ein Doktorat. Wie gelang ihnen aus ihrer Sicht die Ausschöpfung ihres kognitiven und volitiven Potenzials?
Erfolgsfaktoren
Stamm geht von vier Merkmalsbereichen aus, welche dafür verantwortlich sind (S. 107 ff). Ganz offensichtlich und unbestritten scheint, dass die Jugendlichen Persönlichkeitsmerkmale wie Begabung, Fleiss, Motivation, Hartnäckigkeit oder Durchhaltewillen auszeichneten. Ohne diese Voraussetzungen schaffen Arbeiterkinder keinen Bildungsaufstieg.
Die moralische Unterstützung und Ermutigung durch die Familie und die Erwartungen der Eltern bilden ein zweites förderlichen Bündel von Erfolgsfaktoren. Fast ebenso wichtig scheint Stamm der Einfluss des Umfelds: Neben Peers spielen das Engagement und die Ermutigung durch ausserschulische Aktivitäten und Bezugspersonen aus Jugendarbeit, Vereinen etc. eine wichtige Rolle.
In einem eigenen Kapitel weist Stamm darauf hin, wie wichtig «signifikante Andere» (S. 126 ff) in der Person von Trainer:innen, Jugendleiter:innen etc. als Mentor:innen und Rollenmodell gerade auch für den Abbau von Aufstiegsangst sind. Botschaften wie «Du schaffst das, ich glaube an dich.» helfen oft entscheidend, die nötige Selbstwirksamkeitsüberzeugung aufzubauen. (Übrigens: Auch Lehrpersonen können «signifikante Andere» sein).
Als vierten Merkmalsbereich identifiziert Stamm schliesslich wenig erstaunlich die Schule. Erfolgsfaktoren wie Begabungsförderung oder Potenzialerkennung und Ermutigung durch aktive Lehrpersonen stehen im Vordergrund. Die Autorin lässt es aber nicht dabei bewenden, sondern stellt an das Bildungssystem als Schlussfolgerungen aus der Untersuchung eine Reihe von markanten Forderungen.
Was kann, was muss «die Schule» tun?
«Chancengerechtigkeit heisst, Bildungsaufstiege proaktiv zu unterstützen» (S.108). Unter dieser Maxime fordert Stamm von den Lehrpersonen eine «Kultur des positiven Blicks» (S. 110). Voraussetzung dafür ist eine hohe Reflexivität bezüglich der eigenen Herkunft und dem damit verbundenen Habitus, also eine hohe Habitussensibilität (S.122 ff). Nach dem Grundsatz «weg von der Defizitperspektive» muss beides mit der Bereitschaft und der Kompetenz verbunden werden, verdecktes oder nicht richtig erkanntes Potenzial der Schüler:innen aus wenig privilegierten Familien zu sehen und zu fördern (S.116).
Von der einzelnen Schule erwartet Stamm, dass diese die Elternarbeit professionalisiert (S.120). Besonders interessant ist darüber hinaus die Empfehlung, ein Mentoratssystem einzurichten und so das ausserschulische Potenzial auch zur Entlastung der schulischen Akteur:innen zu nutzen (S. 128).
Bezüglich dem Bildungssystem als Ganzem und besonders dem Nadelöhr «Übertritt ans Gymnasium» zeigt sich die Autorin überzeugt, dass die Aufnahmeverfahren fairer gestaltet werden und gerade für Kinder aus Arbeiterfamilien mit entsprechenden Förderangeboten verbunden werden müssen. Vor allem aber sollten neben reinem Wissen auch «Skills wie Durchsetzungsfähigkeit, Beharrlichkeit (…), Zielstrebigkeit und Frustrationstoleranz» in die Beurteilung einfliessen (S. 119f).
Fazit
Margrits Stamms Buch «Von unten nach oben» ist eine lohnende Lektüre. Stamm schreibt: «Mein Debattenbuch hat eine erfolgsorientierte Perspektive. Es nimmt unsere Bildungssysteme unter die Lupe und sucht nach Faktoren, die Aufstiegsmobilität möglich machen» (S. 106). In der Tat. Die in der Untersuchung erfassten 296 Teilnehmenden haben ihren Weg gemacht – obwohl 33 Prozent von ihnen ihre Eltern diesbezüglich als «entmutigend» oder gar «ablehnend» erlebt haben (S. 68). Bei den Lehrkräften waren es mit 34 Prozent praktisch gleich viele (S. 70)!
Damit stellt sich nach der Lektüre unweigerlich die bange Frage: Und wie viele Hunderte Mitschüler:innen der Erfolgreichen haben trotz ähnlicher Begabung unter diesen Voraussetzungen den Glauben an sich verloren? Wie viele von ihnen konnten so ihr Potenzial nicht umsetzen und fehlen jetzt der Wirtschaft als Fachkräfte und der Gesellschaft als zufriedene, engagierte und aufgeklärte Mitglieder?
Es müssen viele sein, zu viele. Stamms Buch ist ein dringender Appell, dass sich dies ändert.
Stamm, Margrit (2025). Von unten nach oben. Arbeiterkinder und ihre Bildungsaufstiege an das Gymnasium. Beltz Juventa.