7 Stunden Inspiration

«The Time Is Now! Gemeinsam neue Wege zur Bildungsgerechtigkeit erarbeiten – wissenschaftlich fundiert und maximal konkret»

Impressionen unserer Arbeitstagung vom 5. November 2022 an der Berufsfachschule Baden

«Herkunft darf nicht über Zukunft entscheiden!» – Mit diesen Worten eröffnete Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, unsere Arbeitstagung. «Alle Kinder sollen eine faire Chance haben, ihr Potenzial zu entwickeln.» Rösler sprach den 100 anwesenden Fachpersonen aus allen Bildungsebenen aus den Herzen, verwies aber darauf, dass solche Selbstverständlichkeiten nicht überall selbstverständlich sind. Bildungsgerechtigkeit sei nicht allein Aufgabe der Schule, so Rösler mit Nachdruck, «sondern der ganzen Gesellschaft».

Comedian Kiko Cabrera Hernandez war ein fünfjähriger Knirps, als er 1991 aus der Dominikanischen Republik mit seiner Mutter, zwei Brüdern und einer Schwester in die Schweiz kam und in der Thurgauer 1000-Seelen-Gemeinde Hefenhofen strandete. Heute ist er ein smarter Charmebolzen, der im breiten Thurgauer Dialekt heiter-nachdenklich auf seine Schulzeit und allerlei kulturelle Missverständnisse zurückblickt. Warum er am ersten Hefenhofener Schultag Lackschuhe, Anzug und eine Aktentasche trug und das von der Lehrerin intonierte Kinderlied «Oh du goldigs Sünneli» für die Schweizer Nationalhymne hielt – demnächst als Video auf unserer Webseite!

Bildungsforscherin Katharina Maag Merki unterstrich in ihrem Referat die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für gerechte Bildungschancen, und zwar mit wissenschaftlicher Evidenz. Bildungsbenachteiligung entsteht demnach auf vier Ebenen: Gesellschaft resp. Bildungspolitik und Bildungsverwaltung (Organisation der Selektion), Region (Schulangebot, nachbarliche Sozialstruktur), Schule (institutionelle Diskriminierung) und Individuum (familiäre Entscheidungsprozesse). Weitherum Verblüffung erzeugte ihre – auf Zahlen des Bundesamts für Statistik – basierende Grafik, welche die angebliche Durchlässigkeit unseres Bildungssystems als Mythos entlarvte.


Good-Practice-Beispiele und Think-Tanks

Im Zentrum der Tagung standen schliesslich sechs innovative Good-Practice-Beispiele, die Bildungsgerechtigkeit im In- und Ausland fördern, sowie zwei Think Tanks, die künftig zu gerechteren Bildungschancen beitragen könnten. Wie im Flow diskutierten die Anwesenden fast drei Stunden lang in Atelier-Workshops über Chancen, Herausforderungen und Umsetzungsmöglichkeiten der verschiedenen Projekte und Ansätze.

Facts & Figures sowie relevante Links

Förderprogramme für Jugendliche an den Übergängen von der Sek-I- in die Sek-II-Stufe am Beispiel Chagall Baden
Daniel Franz, Rektor Kantonsschule Baden, und Roger Stiel, Schulleiter Spreitenbach
Factsheet
Chagall Baden auf unserer Webseite
Weiterführende Informationen zum Programm

Überregionales Fellows-Programm, bei dem Studienabgänger:innen mit entsprechender Schulung während zwei Jahren direkt in Bildungseinrichtungen arbeiten
Elisabeth Witzani, Leitung Operations, Teach for Austria, Wien
Factsheet
Mehr zum Programm

Finanzierungsansatz zur Förderung der Chancengerechtigkeit am Beispiel des Pilotprojekts an der Pestalozzi-Schule Mannheim
Cornelia Nyssing, Project Manager Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
Factsheet
Das Pilotprojekt an der Pestalozzi-Schule Mannheim
Projektnachrichten aus der Bertelsmann-Stiftung
Weiterführende Informationen
Impact Bond Dataset
Evaluation Social Impact Bonds 2015-2020, Büro Bass
Contested Social Impact Bonds

Mentoringprogramm, bei dem Studierende Kinder beim Lernen unterstützen
Åsa Kelmeling, Projektleitung Future Kids, AOZ
Factsheet
Das Programm

Ein Konzept für individuelles Lernen, bei dem mit der Heterogenität der Schüler:innen proaktiv und produktiv umgegangen wird
Thomas Mayer, Vorstandsmitglied Mosaikschulen, Schulleiter Mosaik-Sekundarschule Horn
Factsheet
Die Mosaik-Sekundarschulen

Am Beispiel der Schule Zuchwil, in der 75% der Schüler:innen fremdsprachig sind
Stephan Hug, Schuldirektor Schule Zuchwil
Factsheet
Schule Zuchwil

 

Was braucht es, damit sie zur Chance für die Bildungsgerechtigkeit wird?
Offener Think-Tank mit Michael Kubli, Projektmanager profilQ
Factsheet

Wie kann er entwickelt werden?
Offener Think-Tank mit Jürg Schoch, Präsident Allianz Chance+
Factsheet

«Was nimmst du mit nach Hause?»

Mit dieser Frage ins Plenum setzte Jürg Schoch, Präsident der Allianz Chance+, den Schlussakkord unserer Tagung. Das Feedback fiel erwartet facettenreich aus: «Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft» – «Wie kann man als Politiker gegen mehr Bildungsgerechtigkeit sein?» – «Die Notwendigkeit der Kollaboration» – «Es war keine Veranstaltung der Ü50.» Schochs persönliches Fazit: «Bildungsgerechtigkeit braucht die Ausdauer und Beharrlichkeit von uns allen, aber es lohnt sich – für die betroffenen Kinder und Jugendlichen, aber auch für unsere Gesellschaft und unsere Volkswirtschaft. Super, dass so viele engagierte Leute aus Praxis und Forschung so sehr daran glauben – und sogar einen freien Samstag freiwillig dafür hergeben!».

Uns bleibt abschliessend, allen Teilnehmenden ganz herzlich zu danken: Der Berufsfachschule Baden für die Gastfreundschaft und das feine Catering. Dem Comedian Kiko für den anderen Blick auf seine neue Heimat Schweiz. Dem Filmer Lukas Schwarzenbacher von «Islandart» für die Videos, mit denen wir demnächst auf unserer Webseite brillieren können. Dem Zeichner Michael Meier alias «Denkpinsel» für seine genialischen Illustrationen. Allen unseren Referent:innen und Atelier-Leitenden für ihre inspirierenden Inputs. Und allen Teilnehmer:innen für die engagierten und anregenden Diskussionen. Hope to see U again next year!