Pilotprojekt Chance P+

«Es ist eine Herzensangelegenheit, benachteiligte Kinder mit Potenzial zu unterstützen»

Das Pilotprojekt «Chance P+» (P steht für Potenzial, + für Unterstützung) startete 2024/25 in Langnau am Albis und Spreitenbach. Wir sprachen mit Eva Thielmann, Simone Eichenberger und Monika Fosco (von links nach rechts), Lehrerinnen in Spreitenbach, über die Förderpraxis, über Potenzialerkennung, über ihre Motivation und persönliche Highlights.

Eva, Monika und Simone: Wie erklärt ihr jemandem, der nicht im Bildungsbereich tätig ist, worum es bei Chance P+ geht?

Simone: Chance P+ ist ein Förderprojekt, das in der 5. Klasse startet und bis Mitte der 7. Klasse geht. Wir fördern einmal pro Woche Kinder mit verborgenem Potenzial.

Eva: Wichtig ist, dass wir Kinder aus Familien fördern, die sozial schwach sind oder «bildungsfern», die also ihren Kindern nicht die Unterstützung bieten können, die sie brauchen.

Um wie viele Kinder nehmen am Programm teil?

Monika: In unserem Kurs haben zwölf Kinder aus acht Primarklassen aufgenommen. Dabei ist der Anteil Jungs höher. Alle Kinder haben Migrationshintergrund.

Ihr fördert «KInder mit verborgenem Potenzial». Welches sind eure Kriterien?

Monika: Das Auswahlverfahren beginnt mit einer Empfehlung der Klassenlehrpersonen, Ende der 4. Klasse. Sie informieren die Kinder, dass sie für Chance P+ in Frage kommen, und gleichzeitig die Eltern.

Eva: Offen gestanden ist es oft das «Bauchgefühl», das die Klassenlehrperson leitet. Sie spürt, dass sich ein Kind mit etwas Unterstützung schulisch verbessern kann. Zudem kennt sie die familiären Verhältnisse. So entwickelt sie das Know-how, um das Potenzial eines Kindes richtig einzuschätzen.

Monika: Wir nehmen nicht einfach alle Kinder ins Programm auf, die uns vorgeschlagen werden. Sie müssen einen Fragenbogen schriftlich beantworten, und ein Gespräch mit uns Lehrpersonen dient dazu, ihren Willen und ihre Motivation für das Programm zu erkunden.

Wendet ihr bei der Potenzialerkennung auch harte Kriterien an, zum Beispiel Tests oder Noten?

Monika: Nein, Noten spielen keine Rolle. Es braucht keine Fünf oder so, das ist nicht entscheidend. Allerdings betonen wir in unserem Flyer, dass sich Chance P+ an Kinder aus benachteiligten und bildungsfernen Familien richtet, und das klären wir beim Auswahlverfahren so gut möglich genau ab…

Eva: …zum Beispiel, indem sich die Klassenlehrperson der Mittelstufe mit derjenigen der Unterstufe austauscht, die ja ein Kind drei Jahre begleitet hat.

Simone: Am Anfang haben wir geplant, Sellmo-Tests zur Leistungs- und Lernmotivation durchzuführen. Da unser Kurs von der Uni Zürich wissenschaftlich begleitet wird und diese eigene Tests anwendet, haben wir vorläufig darauf verzichtet.

Ihr baut auf eure Expertise. Was zeichnet diese aus?

Eva: Als Klassenlehrpersonen arbeiten wir intensiv und über einen längeren Zeitraum mit den Kindern, dadurch entsteht eine enorme Erfahrung und eine spezifische Expertise, sodass wir das Potenzial von Schüler:innen gut einschätzen können.

Simone: Es gibt kein Messgerät, kein einfaches Rezept, auch keine passgenaue Weiterbildung, um Potenzialerkennung einfach so zu lernen. Apropos Potenzial: Wir sagen immer, nicht alle unsere Kinder müssen in die Bezirksschule. Wir fördern Kinder, bei denen wir verborgenes Potenzial erkennen, ohne den Übertritt in eine bestimmte Schulstufe ins Auge zu fassen. Wichtig ist uns auch, dass die Kinder sozial den Anschluss behalten. Wir gehen zum Beispiel mit ihnen ins Theater oder machen einen Workshop in der Bibliothek, Orte also, die sie mit ihren Familien vermutlich nicht aufsuchen.

Chance P+ wird von einem Forschungsteam der Universität Zürich begleitet. Gibt es bereits Erkenntnisse, die ihr in der Praxis anwenden könnt?

Monika: Es gibt erste Testversuche, die aber noch nicht ausgereift sind. An der Jahrestagung der Allianz Chance+ im Oktober 2025 wurde das Projekt vorgestellt. Im Januar findet ein Austausch an der Uni Zürich statt, in der wir erste Ergebnisse erhalten. Wir sind darauf sehr gespannt.

Euer Engagement ist beeindruckend. Was hat euch bewogen, Chance P+ ins Leben zu rufen?

Eva: Es ist eine Herzensangelegenheit. Gerne würden wir die Kinder im Unterricht mehr fördern, aber oft fehlt es an der Zeit oder der Kapazität. Das schmerzt, wenn man erkennt, mit ein wenig mehr Hilfe könnte ein Kind schulisch ganz anders dastehen. Für mich ist das Programm eine tolle Aufgabe, zusammen mit gleichgesinnten, engagierten Lehrpersonen den Werdegang von benachteiligten Kindern positiv zu beeinflussen.

Monika: Super ist auch, dass wir bei Chance P+ eine andere Rolle haben. Wir müssen nicht beurteilen, keine Prüfungen machen. Wir unterstützen die Kinder, wo es gerade nötig ist.

Simone: Mir erweitert Chance P+ den Wissenshorizont. Ich bin Oberstufenlehrerin, dank dem Programm sehe ich, was auf der Primarstufe gelehrt wird.

Monika: Wertvoll ist auch die Vernetzung der verschiedenen Schulstandorte in unserer Gemeinde durch das Projekt.

Simone: Chance P+ bringt unsere Schulentwicklung weiter. Der Austausch zwischen den Lehrpersonen der verschiedenen Schulen und Schulstufen ist sehr bereichernd, man trifft einander und bekommt Dinge mit, die man sonst nie erfahren würde.

Kernelement von Chance P+ ist das Coaching. Wie läuft das ab?

Eva: Unser Coaching besteht aus einem individualisierten und auf die schulischen Bedürfnisse der Kinder zugeschnittenen Training. Wir treffen uns jeweils freitags um Viertel nach Elf bis um Eins, die Mittagspause verbringen wir zusammen mit den Kindern. Um uns kennenzulernen, haben wir zu Beginn gemeinsam Picknick im Klassenzimmer gemacht. Inzwischen sind wir davon abgekommen, weil die Kinder in ihrem Rhythmus ihre Aufgaben erledigen und individuell zu Mittag essen.

Welche Fächer stehen im Zentrum?

Simone: Anfangs haben wir das Coaching auf situative Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet, etwa auf anstehende Tests. Inzwischen fokussieren wir, und zwar auf Deutsch und Mathe. Wir coachen individuell, springen von Kind zu Kind, von Thema zu Thema, helfen überall dort, wo die Kinder Defizite haben, bringen Beispiele, besprechen Lösungswege. Bewährt hat sich auch, dass wir zum Schluss des Coachings kurze Inputs zu Mathe und Deutsch geben. Stets aber versuchen wir, flexibel zu reagieren: Wenn die Kinder zum Beispiel hochkonzentriert arbeiten, verzichten wir auf die geplanten Inputs.

Wie beurteilen die Kinder Chance P+?

Eva: Seit Projektstart vor einem Jahr haben wir zweimal schriftlich ein Feedback bei den Kindern eingeholt, mehrheitlich fanden sie unser Programm gewinnbringend. Derzeit steht der Übertritt in die Oberstufe an, in individuellen Gesprächen reden wir mit den Kindern über Fragen wie «Wo stehst du? Wo willst du hin? Was brauchst du, damit der Übertritt gelingt?» Dabei finden wir auch heraus, was sie am Coaching gut finden und was nicht.

Zum Beispiel?

Monika: Die meisten Schüler:innen schätzen es sehr, sie finden, dass sie profitieren. Super finden viele, dass sie bei uns eine andere Rolle einnehmen können als in der Klasse. Sie können unbefangen Fragen stellen, müssen nicht cool sein und so tun, als kapierten sie alles. Es gibt aber auch Kinder, die trotz unserem Engagement Mühe haben, ins individuelle Arbeiten zu kommen. Diese empfinden das Programm dann auch weniger gewinnbringend.

Was macht ihr, wenn ein Kind aussteigen will?

Simone: Unsere Hürden sind hoch. Man kann nicht einfach aufhören, weil man im Moment keinen Bock mehr hat. Voraussetzung ist ein Elterngespräch, bei dem die Gründe für den möglichen Ausstieg besprochen werden. Aber klar, vor allem bei pubertierenden Sechstklässler:innen  gibt es Durchhänger, das verstehen wir, und wir versuchen darauf zu reagieren.

Eva: Wertvoll ist auch die Kooperation und der Austausch mit der Klassenlehrperson. Kinder, die gut vorbereitet mit gezielten Aufgaben zu uns kommen, sind motivierter und finden sich besser zurecht.

Monika: Unserem Team gehört auch der Schulsozialarbeiter an. Zu Beginn bei der Gruppenfindungsphase war er im Kurs stark präsent. Bei Bedarf können wir jederzeit auf seine Unterstützung zählen. So sucht er dann beispielsweise das Gespräch mit den Kindern und/oder den Eltern oder macht einen Input zu einem spezifischen Thema im Kurs.

Apropos Elterngespräch: Haltet ihr Kontakt zu den Eltern?

Simone: Das läuft vorrangig über die Klassenlehrperson. Von uns werden die Eltern am Anfang informiert, und sie müssen ihr Einverständnis geben. Dann organisieren wir eine kleine Aufnahmezeremonie und laden die Eltern dazu ein. Dabei wurden wir letztes Jahr völlig überrascht: Nicht nur Vater und Mutter kamen, sondern Onkel und Tanten, der ganze Clan.

Monika: Für die Eltern sind wir per Schul-Kommunikationstool Klapp erreichbar. Bei Bedarf nehmen wir mit ihnen Kontakt auf oder beteiligen uns an Elterngesprächen mit der Klassenlehrperson.

Eine letzte Frage: Was war euer persönliches Highlight im ersten Jahr Chance P+?

Simone: Ein erfolgreiches Gespräch letzte Woche mit einem schwierigen Schüler. Schon länger war mir aufgefallen, dass er nicht richtig isst und die Mittagspause unnötig in die Länge zieht. Ich sage jeweils zu den Kindern, dass ich «die richtige Wahrheit liebe», das heisst, sie sollen ehrlich sagen, was sie brauchen oder was sie belastet. Das Gespräch hat offenbar gefruchtet. Heute hat der Schüler nicht nur herzhaft gegessen, sondern mich tatsächlich gefragt, ob er noch fünf Minuten Pause machen dürfe, er brauche sie. Ein kleiner feiner Schritt hin zu gegenseitigem Vertrauen. Ich habe ihm mit den Worten gedankt: «So schön, dass du mir die richtige Wahrheit sagst.»

Monika: Als ein Mädchen glücklich erzählte, dass es dank unserer Unterstützung ihr Ziel, eine 5 im Zeugnis, erreicht hat.

Eva: Total schön waren die kürzlichen Standortgespräche, in denen ich gemerkt habe, wie sehr Chance P+ zum Selbstwertgefühl und zur Persönlichkeitsentwicklung der Kinder beiträgt. Und wie sehr sie schätzen, wie wir sie unterstützen.

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